p.o.v.! – Universität: partizipativ.offen.vielfältig!

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p.o.v.! – Universität: partizipativ.offen.vielfältig! Öffnung eines partizipativen Diskursraums in digitalen Formaten für (potentielle) Studierende mit Behinderung/chronischer Erkrankung“

p.o.v.! ist ein vom Niedersächsischen Ministerium für Wissenschaft und Kultur gefördertes Zukunftsdiskurse-Projekt.

p.o.v.! möchte sich mit der Frage „Hochschulen der Zukunft – gute Studienbedingungen für alle?“ befassen und den wissenschaftlichen Diskurs zu Gelingensbedingungen des Studiums für (potentielle) Studierende mit Behinderung und/oder chronischer Erkrankung partizipativ für alle öffnen. Ziel ist es, Erfahrungen und Perspektiven von behinderten und chronisch kranken Menschen an der Universität sichtbar zu machen etwa zu Themen wie Masking, Mikroggressionen, Crip Time, Offenbarungsdilemma, Rechtfertigungsdruck, Spoon Theory und vielen mehr.

Statt einer klassischen Hochschulveranstaltung nutzt p.o.v.! dabei Instagram (@pov_universitaet) als Raum, um Wissen, Erfahrungen und Anliegen ebenso zu teilen wie Barrieren und Bedarfe, die im akademischen Kontext oft ungehört bleiben. Das Projekt startete im Mai 2025, der Launch 2025 im folgenden Oktober. Die Laufzeit beträgt insgesamt 15 Monate.

Das Projekt p.o.v.!

Hier werden nach und nach die Themen von p.o.v.! skizziert. Das Projekt findet vorrangig auf Instagram statt und ist unter @pov_universitaet zu finden.

  • Start

    16 % der Studierenden haben studienerschwerende Behinderungen und/oder chronische Erkrankungen, davon sind 97 % unsichtbar. Mit 65 % ist der Anteil Studierender mit psychischen Erkrankungen am größten (best3 Studie).

    Andrea Schöne, unter anderem Autorin von „Behinderung und Ableismus“ und Workshop-Leiterin zu Ableismus im Hochschulwesen, ist selbst Studentin und spricht im Post über die Situation von behinderten und chronisch kranken Studierenden. Dabei bezieht sie eigene Erfahrungen ein. Sie erklärt, wie auch Ereignisse außerhalb des Studiums das Studium beeinflussen können, welche Barrieren Studierende erleben und dass diese Barrieren nicht immer sichtbar sind.

    Diese Erfahrungen können mit Gefühlen wie Ohnmacht, Frustration und Einsamkeit einhergehen. Zudem machen viele junge Menschen mit chronischen Erkrankungen oder Behinderungen bereits in der Schulzeit Erfahrungen, die unbewusst beeinflussen, wie sie ihre Zukunft sehen. Zweifel und Barrieren können dafür sorgen, dass der Wunsch zu studieren gar nicht erst entsteht oder früh wieder aufgegeben wird. Falls man ein Studium beginnt, setzt sich die Konfrontation mit einem unflexiblen Leistungsanspruch fort.

    Alina Buschmann ist Beraterin, Sprecherin, Autorin, Mitherausgeberin von „Angry Cripples – Stimmen behinderter Menschen gegen Ableismus“ und selbst behindert, chronisch krank und neurodivergent. Sie spricht im Post über die Auffassung von Leistung im Unikontext, dass die Bedingungen und das Bewertungssystem nicht auf unterschiedliche Voraussetzungen ausgelegt sind und was das für Auswirkungen auf das Studieren haben kann.

    Dabei gilt: Bildung für alle ist ein Menschenrecht! Die UN-Behindertenrechtskonvention fordert einen barrierefreien und gleichberechtigten Zugang zu Hochschulbildung. Die Realität ist aber, dass die einen mit Barrieren, Vorurteilen oder fehlender Unterstützung kämpfen, während die anderen – oft unbewusst – dazu beitragen, dass Ausgrenzung und Diskriminierung bestehen bleiben. Das ist Ableismus, den wir genau wie Rassismus oder Klassismus alle verinnerlicht haben.

    Andrea Schöne zeigt im Post auf, auf welchen Ebenen sich verinnerlichter Ableismus auswirken kann und welche Folgen dies im Hochschulwesen und der Forschung hat.
    Alina Buschmann spricht im Post darüber, was es insbesondere für behinderte und oder chronisch kranke Menschen bedeutet, dass wir alle in einer in einer ableistischen Welt aufwachsen und warum es so wichtig ist, ableistische Strukturen als solche zu erkennen.

    Mehr zu den Beitragenden:
    Alina Buschmann auf Instagram
    @dramapproved
    Andrea Schöne auf Instagram @schoeneandrea

  • Crip Time

    ...wie Behinderungen und chronische Erkrankungen normative Zeitvorstellungen sprengen

    pov: Dein Studium verlängert sich, weil du es gerade kaum schaffst, das Bett zu verlassen. Durch die Überschreitung der Regelstudienzeit bekommst du kein BAföG mehr.
    pov: Jede Woche überschneidet sich der einzig freie Therapietermin, auf den du lange warten musstest, mit dem einen Seminar, das noch fehlt. Du entscheidest dich für das Seminar, fällst im kommenden Semester durch einen Klinikaufenthalt aber komplett aus. 
    pov: Du brauchst zur Mensa dreimal so lang wie alle anderen, weil der barrierefreie Zugang einen Umweg bedeutet. Du isst deshalb meistens alleine oder gar nicht und findest weniger Anschluss.

    Das ist Crip Time (engl.: „Krüppelzeit“) ein bewusst provokanter Begriff aus der Behindertenbewegung, der die Erfahrungen behinderter und chronisch kranker Menschen mit Zeit umfasst.
    Gesellschaftlich gibt es bestimmte, auch unbewusste, Vorstellungen, Ansprüche und Erwartungen, wie lange Dinge dauern, wann gearbeitet wird und bestimmte Ziele erreicht werden – das nennt man Normzeit.

    Für viele chronisch kranke und behinderte Menschen ist Normzeit eine unsichtbare Barriere. Sie benötigen häufig mehr Zeit oder flexiblere Möglichkeiten der Zeitnutzung.

    • Barrieren und Bedarfe verlängern und verändern Wege, Vorhaben, Tagesabläufe und Lebensphasen
    • Recherchen zur Barrierefreiheit, die Suche nach Zuständigkeiten und das Einfordern von Teilhaberechten sind meist aufwändig, wiederholt nötig und nicht selten erfolglos
    • Therapien, Untersuchungen und Anträge beanspruchen weitere Ressourcen
    • gleichzeitig kann die Energie begrenzter und schwankend sein

    Das Konzept Crip Time ist auch ein Widerstand gegen die Normzeit und verdeutlicht, dass Zeit etwas Individuelles ist. Es ermutigt insbesondere behinderte und chronisch kranke Menschen, ihr eigenes Tempo zu finden, Pausen zuzulassen und sich von gesellschaftlichen Zeitvorstellungen zu lösen.

    Madelleine Müller sagt dazu:
    „Stell’ dir vor, Crip Time wäre normal. Weniger Menschen würden unter Stress und Burnout leiden. Die psychische Gesundheit könnte sich allgemein verbessern, da der Druck, sich an starre Zeitpläne zu halten, geringer wäre. Insgesamt würde dadurch ein höheres Maß an Inklusivität in unserer Gesellschaft herrschen.“ Mehr zur Quelle unten im Deep(er) Dive.

    Was Uni-Mitarbeitende zum Beispiel tun können:

    (sich) informieren, Barrieren im Arbeitsumfeld wahrnehmen und abbauen

    • Zugänglichkeit des Seminarraums prüfen
    • verlässliche Zeiten (Anfang, Ende, Pause) schaffen

    offen sein, zuhören, reflektieren

    • eigene Denkmuster, Überzeugungen und Macht hinterfragen; eigenen Handlungsspielraum bewusst machen
    • Bedarfe, Erfahrungswerte, Feedback erfragen und berücksichtigen
    • Erreichbarkeit und mögliche Kommunikationswege transparent machen

    nicht vorschnell urteilen

    • Gründe für Fehlzeiten oder Verspätungen in Betracht ziehen, die nichts mit „Faulheit“ oder „Unzuverlässigkeit“ zu tun haben
    • Versäumnisse mit wohlwollender Haltung vertraulich ansprechen
    • Leistungsbegriff hinterfragen – Ist ein Ergebnis schlechter, wenn es anders erbracht wird?

    flexibel und kreativ sein, eigenen Spielraum und eigene Möglichkeiten nutzen

    • bei Hausarbeiten Bearbeitungszeit verlängern
    • bei Klausuren Schreibzeit verlängern, technische Hilfsmittel, Schreibassistenz oder Ruhepause ermöglichen
    • Ersatzleistungen, Aufzeichnungen oder Online-Teilnahme ermöglichen, wenn eine regelmäßige (Präsenz-)Teilnahme an (Block-)Veranstaltungen nicht leistbar ist 
    • von starren Zeitvorgaben bei (Labor-)Praktika und Exkursionen abrücken

    Studierende informieren, ermutigen und empowern

    • ermutigen, Nachteilsausgleiche in Anspruch zu nehmen
    • über weitere Anlaufstellen wie auch Peer-to-Peer- und Selbstvertretungsstrukturen informieren
    • Ally sein 

    ...und nicht zuletzt sind auch strukturelle Veränderungen nötig, um zum Beispiel ein Teilzeitstudium und eine längere Studiendauer ohne Nachteile zu ermöglichen.

  • Frohe Feiertage!? – Einsamkeit in der (Vor-)Weihnachtszeit

    pov: Du hast den Wichtelabend schon im letzten Jahr abgesagt. Jetzt traust du dich nicht, überhaupt zuzusagen, aus Angst, wieder kurzfristig auszufallen. Also gibst du vor, schon woanders eingeladen zu sein.

    pov: Auf Weihnachtsfeiern gibt es fast nur Dinge, die du nicht verträgst (Alkohol, Gluten, Zucker, Fettiges). Alle essen und trinken gemeinsam und du sitzt nur daneben und fühlst dich außen vor.

    pov: Wie in jedem Jahr feiern deine Freund*innen zusammen Silvester. Dieses Jahr wirst du nicht eingeladen, weil alle davon ausgehen, dass du eh nicht kommst. Du wärst gerne gekommen, aber möchtest dich nicht selbst einladen.

    Viele Menschen feiern in diesem Monat die Adventszeit, Weihnachten und Silvester. Sie treffen sich zu Weihnachtsfeiern und -märkten, essen Kekse, trinken Glühwein und beschenken einander zum „Fest der Liebe“. Doch insbesondere für chronisch kranke und behinderte Studierende kann die (Vor-)Weihnachtszeit auch Einsamkeit verstärken:

    • mehr Belastung, weniger Energie: Zum Jahresende häufen sich Deadlines und Feiertagsstress. Gleichzeitig werden im Winter Symptome häufig stärker und es fehlt die Kraft für soziale Aktivitäten. Das Gefühl, nicht mithalten zu können, wächst.

    • soziale Ausschlüsse durch Barrieren: Viele Aktivitäten wie Weihnachtsmärkte oder Silvesterfeiern sind nicht barrierefrei, laut und/oder körperlich anstrengend. Essen und Alkohol spielen eine große Rolle, was einige Menschen zusätzlich ausschließt.

    • Wegfall sozialer Strukturen: Wenn die Uni schließt, fallen wichtige soziale Kontakte durch Seminare, Tutorien oder Mensen weg. Viele Kommiliton*innen fahren in die Heimat. Studierende, die ohnehin viel Zeit zu Hause verbringen (müssen), sind dann oft noch stärker isoliert.

    • finanzielle Mehrbelastungen: Viele chronisch kranke oder behinderte Studierende haben höhere Ausgaben, etwa durch Medikamente oder Therapien, und können nicht immer etwas dazuverdienen. Zum Teil bleibt kein Geld für Geschenke, Weihnachtsessen, Glühwein oder Zugtickets für (Familien-)Besuche übrig.

    • Vergleich mit idealisierten Erwartungen: Überall hört man „Weihnachten = Gemeinschaft, Freude, Wärme“ und es gibt vermehrt soziale Anlässe. Wer diese Erfahrung nicht machen kann, fühlt sich schnell „falsch“ oder „abgekoppelt“. Der gesellschaftliche Druck macht die eigene Isolation spürbarer.

    Hinzu kommt: Einsamkeit und Isolation sind tabuisiert und oft schambesetzt – gerade jetzt, wo gefühlt alle anderen nach Hause fahren, eingeladen werden, einladen, feiern und eine gute Zeit haben.

    Aus dieser Situation zu sagen „Ich bin alleine” ist nicht nur schwer, sondern findet auch nicht immer Gehör. Einsamkeit und Isolation bleiben so häufig unsichtbar.

    Aber auch wer die Feiertage nicht allein verbringt, kann sich einsam fühlen.

    Das Umfeld geht nicht immer sensibel mit Behinderung oder chronischer Krankheit um. Übergriffige Kommentare lassen einen unverstanden und ausgeschlossen fühlen, zum Beispiel:

    Wieso kannst du das denn jetzt schon wieder nicht essen?“

    Reiß dich doch mal zusammen und lächle. Es ist doch Weihnachten!“

    Ach du bist immer noch nicht mit deinem Studium fertig?“

    „Nach Hause fahren“ bedeutet dann eher emotionalen Stress als Geborgenheit.

    Einsamkeit und Symptome einer chronischen Erkrankung können sich dabei gegenseitig verstärken:

    Wer chronisch krank ist, kann weniger an sozialen Aktivitäten teilnehmen und ist eventuell stärker isoliert.

    Zugleich ist Einsamkeit ein Stressfaktor, der Symptome verschlimmern und die Entstehung bestimmter Krankheiten begünstigen kann.

    Was du für deine behinderten und chronisch kranken Kommiliton*innen zum Beispiel tun kannst:

    • Lade deine chronisch kranken und behinderten Freund*innen auch dann ein, wenn du davon ausgehst, dass sie nicht kommen werden. Frag sie, was sie brauchen, um dabei sein zu können.

    • Wähle soziale Aktivitäten so, dass sie möglichst barrierearm sind, zum Beispiel Sit-in Zuhause mit glutenfreien Keksen und alkoholfreiem Punsch statt trubeligem Weihnachtsmarkt. 

    • Vielleicht gibt es eine Person in deinem Umfeld, von der du länger nichts gehört hast? Schreib ihr doch mal eine Nachricht oder ruf sie an, um zu fragen, wie es ihr geht.

    • Kleine Dinge können einen großen Unterschied machen!

    Und wenn du gerade selbst einsam bist, dann hilft es vielleicht, zu wissen: Du bist damit nicht alleine.

    Falls du jemanden zum Reden oder Schreiben suchst, ist vielleicht die Telefonseelsorge etwas für dich. 

  • Able-Passing

    ...und die ständige Anstrengung, eine Behinderung oder Erkrankung zu verbergen

    pov: Du sitzt mit starken Symptomen im Seminar und musst deine ganze Konzentration dafür aufwenden, dir nichts anmerken zu lassen. Dem Seminar kannst du deshalb nicht folgen.

    pov: Du lässt deine Akupressurbälle zuhause, damit Kommiliton*innen dich nicht für komisch halten. Dein Angst- und Stresslevel nimmt dadurch immer weiter zu. 

    pov: Du verzichtest auf einen Nachteilsausgleich, damit niemand erfährt, dass du chronisch krank bist. Du befürchtest, dass deine Dozierenden dich ansonsten für weniger kompetent halten.

    Das ist Teil von Able-Passing (engl.: able = fähig im Sinne von nicht behindert; passing = (als etwas) durchgehen) das (un-)bewusste Verbergen oder Weglassen von behinderungs- und krankheitsbezogenen Aspekten wie der Diagnose, Symptomen oder Hilfsmitteln, um nicht aufzufallen, stigmatisiert oder diskriminiert zu werden. In der autistischen Selbstvertretung wird das Masking genannt.

    Able-Passing beruht auf dem Konzept der „Compulsory Able-Bodiedness" (▶ mehr dazu im Deep(er) Dive) – dem gesellschaftlichen Zwang, gesund, leistungsfähig und funktionierend zu wirken. Viele behinderte und chronisch kranke Studierende haben Compulsory Able-Bodiedness so stark verinnerlicht, dass sie die Behinderung oder Erkrankung selbst als etwas wahrnehmen, was versteckt oder ausgeglichen werden muss. 

    Sie befürchten zudem direkte negative Reaktionen auf ihre Behinderung/Erkrankung, zum Beispiel:

    „Was, wenn meine Kommiliton*innen mich als „anders” oder „komisch” wahrnehmen?“
    „Ich will nicht immer auffallen oder eine „Extrawurst”.“
    „Werden meine Dozierenden mich schwächer oder weniger leistungsfähig einschätzen, wenn sie von meiner Behinderung erfahren?“
    „Werde ich auf meine Diagnose reduziert? Ich will nicht, dass es ständig Thema wird.“
    „Was, wenn angezweifelt wird, ob ich meine Hilfsmittel brauche und ich mich rechtfertigen muss?“
    „Es bringt doch eh nichts, wenn ich um Nachteilsausgleich bitte.“

    Able-Passing kann dabei unterschiedliche Strategien der Anpassung an Erwartungen der Umgebung umfassen, zum Beispiel:

    • Bedürfnisse verbergen (Pausen brauchen, Reizüberlastung)
    • Schmerzen, Erschöpfung oder Ängste „weglächeln“
    • benötigte Hilfsmittel nicht nutzen
    • so tun, als ob Aufgaben problemlos gehen
    • die Diagnose nicht offenlegen/ verschweigen
    • Nachahmen von Kommunikationsstilen

    Diese erfüllen nicht nur die Funktion, vor Ablehnung, Benachteiligung und Stigmatisierung zu schützen, sondern gehen häufig auch mit negativen Folgen einher:

    • Identitätskonflikte („Wer bin ich ohne ‚Maske’?”)
    • starke Erschöpfung, Burnout
    • Symptomverstärkung
    • Stress und Ängste
    • weniger Zugang zu Unterstützung oder Nachteilsausgleichen
    • oberflächliche, nicht authentische Beziehungen, Einsamkeit
    • hoher kognitiver Aufwand und Konzentrationsschwierigkeiten, in Folge dessen u. a. Verschlechterung der Studienleistungen.

    Sowohl die mit Able-Passing verbundene Anpassungsarbeit als auch das Wahrgenommenwerden als behindert oder chronisch krank sind also jeweils mit Belastungen verbunden, die immer wieder gegeneinander abgewogen werden müssen. Diese Belastungen führen zu einem Offenbarungsdilemma:

    Die Offenlegung einer Behinderung oder Erkrankung kann den Zugang zu Unterstützung ermöglichen, gleichzeitig aber auch das Risiko von Stigmatisierung erhöhen.

    Was Uni-Mitarbeitende zum Beispiel tun können:

    Das Ziel ist, einen möglichst sicheren Rahmen schaffen.

    • in Seminaren über Behinderung/ chronische Erkrankung und die Möglichkeit für z. B. Pausen, Essen und Hilfsmittelnutzung sprechen
    • ermutigen, Nachteilsausgleiche in Anspruch zu nehmen
    • wenn gewollt, eigene Hilfsmittel sichtbar nutzen (z. B. Fidget, Wärmflasche, Blutzuckersensor)
    • wenn gewollt, eigene Bedarfe aktiv kommunizieren und ermutigen („Ich brauche kurz Bewegung, dann bin ich wieder präsenter.“, „Ich passe meine Arbeitsweise an meine Gesundheit an. Das dürfen Sie auch.“)

    Insgesamt gilt: Je weniger Studierende sich an ein starres „Normalitätsideal“ anpassen müssen, desto weniger Energie geht in Able-Passing verloren – und desto mehr bleibt fürs Lernen Leben.

  • Super Crip

    ...wie normale Tätigkeiten und besondere Leistungen ableistisch geframed werden

    pov: Du hast im Seminar einen guten Vortrag gehalten. Eine Mitstudentin sagt im Anschluss, wie toll es ist, dass du das „trotz deiner Erkrankung“ geschafft hast und nennt dich ein echtes Vorbild. 

    pov: Für deinen behinderten Freund, ein Überflieger, werden ungefragt Barrieren im Studium beseitigt. Du hast durchschnittliche Noten und wirst abgewiesen, wenn du auf für dich vorhandene Barrieren hinweist. 

    pov: Wenn du im Studium aufgrund deiner Behinderung überfordert bist, wird dir oft geraten, ein Urlaubssemester zu nehmen oder doch lieber eine Ausbildung zu machen. Du traust dich daher nicht mehr, um Hilfe zu bitten und verspürst den Druck, immer zu funktionieren.

    Das veranschaulicht den Begriff Super Crip (engl.: „Super-Krüppel“) – ein gesellschaftliches Narrativ, in dem behinderte und chronisch kranke Menschen nicht als Individuen, sondern primär anhand ihrer vermeintlichen oder tatsächlichen Leistungsfähigkeit wahrgenommen und bewertet werden. Das Konzept umfasst mehrere Dimensionen, die ableistisch sind.

    Lob für Alltägliches:

    „Wow, stark, dass du trotz deiner Behinderung studierst!“ 
    Gewöhnliches wird als außergewöhnlich gerahmt, weil Behinderung und chronische Erkrankung implizit mit Unfähigkeit gleichgesetzt werden. Das Lob wirkt nett, ist aber paternalistisch und entmündigend.

    Bedingte Barrieresensibilität und überhöhte Leistungserwartungen:
    „Wir müssen unsere Uni barrierearm machen, damit auch der nächste Stephen Hawking hier studieren könnte!“ 
    Barrierefreiheit und soziale Anerkennung werden behinderten und chronisch kranken Menschen nur dann zugestanden, wenn sie außergewöhnlich leistungsfähig und für Nicht-Behinderte von Nutzen sind. Das setzt unrealistische Erwartungen und wertet diejenigen ab, die ihre Behinderung/ Erkrankung nicht „besiegen“.

    Das führt auch zur Verinnerlichung überhöhter Leistungserwartungen: 
    Oft haben behinderte und chronisch kranke Menschen selbst den Anspruch verinnerlicht, die Behinderung oder Erkrankung durch besondere Leistungen „auszugleichen“. Das kann Schuld- und Schamgefühle auslösen, wenn sie die mit der Behinderung oder Erkrankung verbundenen Einschränkungen nicht eigenständig „überwinden“.

    Die Verinnerlichung überhöhter Leistungserwartungen zeigt sich etwa in folgenden Zitaten:

    „Mein Leben lang habe ich einen inneren Druck verspürt, akademisch überdurchschnittliche Leistungen zu erbringen, aus Angst, sonst den Respekt anderer zu verlieren.“ – Kevin Mintz.

    „Ich muss doppelt so gut sein wie die anderen, um gesehen zu werden. (...) Dahinter steht die Idee, die Behinderung durch Leistung aufzuwiegen und mithin an Wert zu gewinnen.“ – Tanja Kollodzieyski, S. 8.

    „Als Mensch mit einer lebenslangen Behinderung muss ich mich fragen: Warum müssen Menschen mit Behinderung Außergewöhnliches leisten, um ernst genommen zu werden? Warum müssen wir im Grunde nichtbehinderte Menschen nachahmen, um Respekt zu gewinnen?“ – Ben Mattlin.

    ▶ Mehr zu den Quellen unten im Deep(er) Dive.

    Der gesellschaftliche Anspruch, die Behinderung/Erkrankung zu überwinden, um dann als „Super Crip“ von der nicht-behinderten Welt „gefeiert“ zu werden, steht in einem engen Zusammenhang mit Inspiration Porn (engl.: „Inspirationsporno“). Der Begriff wurde von Stella Young geprägt und bezeichnet die emotionalisierende, bewundernde und objektifizierende Darstellung von Menschen mit Behinderung oder chronischer Erkrankung, bei der ihre Existenz, Tätigkeiten oder Leistungen primär dazu dienen, nicht-behinderte Menschen zu inspirieren.

    Hinweis: „Inspiration Porn“ wird von behinderten Sexarbeitenden kritisiert, da Pornografie mit Ausbeutung gleichgesetzt wird. @EbThen hat vor diesem Hintergrund auf Twitter/X den Ausdruck „Inspiration Exploitation“ (engl.: „Inspirations-Ausbeutung“) geprägt.

    „Super-Crip-Geschichten sind eine Untergruppe von ‚Inspiration Porn‘. Der Begriff (...) bezeichnet Darstellungen von behinderten Menschen, die sie als Inspirationsquellen (und nicht als Individuen) behandeln. Damit wird zum Ausdruck gebracht, dass behinderte Menschen nur existieren oder es sich nur lohnt, sie zu fotografieren und über sie zu schreiben, um nichtbehinderte Menschen zu inspirieren oder zu motivieren. (...) Ich weiß gar nicht, wie oft mir schon dafür applaudiert wurde, dass ich einfach nur einkaufen oder ins Kino gegangen bin – ‚Gut gemacht, Kumpel!‘, ‚Schön, dass du heute raus bist!‘“ Ben Mattlin. 

    ▶ Mehr zur Quelle unten im Deep(er) Dive.

    Inspiration Porn und Super Crip Narrative machen nicht nur die Struggles, Erschöpfung und Barrieren von behinderten und chronisch kranken Menschen unsichtbar, sondern führen auch dazu, dass die gesellschaftliche Verantwortung, Barrieren zu beseitigen, nicht wahrgenommen wird.

    Fragen, die sich Uni-Mitarbeitende zum Beispiel stellen können: 
    Was erwarte ich von wem (nicht) und warum? (Wie) wirkt sich das auf mein Verhalten und meine Bewertungen aus?

  • to be continued

    ...

Deep(er) dive

... to be continued
Ergänzungen? Mail an pov@ifs.uni-hannover.de!

Kontakt

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Annika Ließ
Wissenschaftliche Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter
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Schloßwender Straße 1
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