p.o.v.! – Universität: partizipativ.offen.vielfältig!

Im Hintergrund ist ein Farbverlauf mit den Farben türkis, orange und gelb. Darauf ist ein p.o.v.!-Schriftzug in schwarz, bei dem das „o“ aussieht wie eine Kameralinse. Im Hintergrund ist ein Farbverlauf mit den Farben türkis, orange und gelb. Darauf ist ein p.o.v.!-Schriftzug in schwarz, bei dem das „o“ aussieht wie eine Kameralinse. Im Hintergrund ist ein Farbverlauf mit den Farben türkis, orange und gelb. Darauf ist ein p.o.v.!-Schriftzug in schwarz, bei dem das „o“ aussieht wie eine Kameralinse.

p.o.v.! – Universität: partizipativ.offen.vielfältig! Öffnung eines partizipativen Diskursraums in digitalen Formaten für (potentielle) Studierende mit Behinderung/chronischer Erkrankung“

p.o.v.! ist ein vom Niedersächsischen Ministerium für Wissenschaft und Kultur gefördertes Zukunftsdiskurse-Projekt.

p.o.v.! möchte sich mit der Frage „Hochschulen der Zukunft – gute Studienbedingungen für alle?“ befassen und den wissenschaftlichen Diskurs zu Gelingensbedingungen des Studiums für (potentielle) Studierende mit Behinderung und/oder chronischer Erkrankung partizipativ für alle öffnen. Ziel ist es, Erfahrungen und Perspektiven von behinderten und chronisch kranken Menschen an der Universität sichtbar zu machen etwa zu Themen wie Masking, Mikroggressionen, Crip Time, Offenbarungsdilemma, Rechtfertigungsdruck, Spoon Theory und vielen mehr.

Statt einer klassischen Hochschulveranstaltung nutzt p.o.v.! dabei Instagram (@pov_universitaet) als Raum, um Wissen, Erfahrungen und Anliegen ebenso zu teilen wie Barrieren und Bedarfe, die im akademischen Kontext oft ungehört bleiben. Das Projekt startete im Mai 2025, der Launch 2025 im folgenden Oktober. Die Laufzeit beträgt insgesamt 15 Monate.

Das Projekt p.o.v.!

Hier werden nach und nach die Themen von p.o.v.! skizziert. Das Projekt findet vorrangig auf Instagram statt und ist unter @pov_universitaet zu finden.

  • Start

    16 % der Studierenden haben studienerschwerende Behinderungen und/oder chronische Erkrankungen, davon sind 97 % unsichtbar. Mit 65 % ist der Anteil Studierender mit psychischen Erkrankungen am größten (best3 Studie).

    Andrea Schöne, unter anderem Autorin von „Behinderung und Ableismus“ und Workshop-Leiterin zu Ableismus im Hochschulwesen, ist selbst Studentin und spricht im Post über die Situation von behinderten und chronisch kranken Studierenden. Dabei bezieht sie eigene Erfahrungen ein. Sie erklärt, wie auch Ereignisse außerhalb des Studiums das Studium beeinflussen können, welche Barrieren Studierende erleben und dass diese Barrieren nicht immer sichtbar sind.

    Diese Erfahrungen können mit Gefühlen wie Ohnmacht, Frustration und Einsamkeit einhergehen. Zudem machen viele junge Menschen mit chronischen Erkrankungen oder Behinderungen bereits in der Schulzeit Erfahrungen, die unbewusst beeinflussen, wie sie ihre Zukunft sehen. Zweifel und Barrieren können dafür sorgen, dass der Wunsch zu studieren gar nicht erst entsteht oder früh wieder aufgegeben wird. Falls man ein Studium beginnt, setzt sich die Konfrontation mit einem unflexiblen Leistungsanspruch fort.

    Alina Buschmann ist Beraterin, Sprecherin, Autorin, Mitherausgeberin von „Angry Cripples – Stimmen behinderter Menschen gegen Ableismus“ und selbst behindert, chronisch krank und neurodivergent. Sie spricht im Post über die Auffassung von Leistung im Unikontext, dass die Bedingungen und das Bewertungssystem nicht auf unterschiedliche Voraussetzungen ausgelegt sind und was das für Auswirkungen auf das Studieren haben kann.

    Dabei gilt: Bildung für alle ist ein Menschenrecht! Die UN-Behindertenrechtskonvention fordert einen barrierefreien und gleichberechtigten Zugang zu Hochschulbildung. Die Realität ist aber, dass die einen mit Barrieren, Vorurteilen oder fehlender Unterstützung kämpfen, während die anderen – oft unbewusst – dazu beitragen, dass Ausgrenzung und Diskriminierung bestehen bleiben. Das ist Ableismus, den wir genau wie Rassismus oder Klassismus alle verinnerlicht haben.

    Andrea Schöne zeigt im Post auf, auf welchen Ebenen sich verinnerlichter Ableismus auswirken kann und welche Folgen dies im Hochschulwesen und der Forschung hat.
    Alina Buschmann spricht im Post darüber, was es insbesondere für behinderte und oder chronisch kranke Menschen bedeutet, dass wir alle in einer in einer ableistischen Welt aufwachsen und warum es so wichtig ist, ableistische Strukturen als solche zu erkennen.

    Mehr zu den Beitragenden:
    Alina Buschmann auf Instagram
    @dramapproved
    Andrea Schöne auf Instagram @schoeneandrea

  • Crip Time

    ...wie Behinderungen und chronische Erkrankungen normative Zeitvorstellungen sprengen

    pov: Dein Studium verlängert sich, weil du es gerade kaum schaffst, das Bett zu verlassen. Durch die Überschreitung der Regelstudienzeit bekommst du kein BAföG mehr.
    pov: Jede Woche überschneidet sich der einzig freie Therapietermin, auf den du lange warten musstest, mit dem einen Seminar, das noch fehlt. Du entscheidest dich für das Seminar, fällst im kommenden Semester durch einen Klinikaufenthalt aber komplett aus. 
    pov: Du brauchst zur Mensa dreimal so lang wie alle anderen, weil der barrierefreie Zugang einen Umweg bedeutet. Du isst deshalb meistens alleine oder gar nicht und findest weniger Anschluss.

    Das ist Crip Time (engl.: „Krüppelzeit“) ein bewusst provokanter Begriff aus der Behindertenbewegung, der die Erfahrungen behinderter und chronisch kranker Menschen mit Zeit umfasst.
    Gesellschaftlich gibt es bestimmte, auch unbewusste, Vorstellungen, Ansprüche und Erwartungen, wie lange Dinge dauern, wann gearbeitet wird und bestimmte Ziele erreicht werden – das nennt man Normzeit.

    Für viele chronisch kranke und behinderte Menschen ist Normzeit eine unsichtbare Barriere. Sie benötigen häufig mehr Zeit oder flexiblere Möglichkeiten der Zeitnutzung.

    • Barrieren und Bedarfe verlängern und verändern Wege, Vorhaben, Tagesabläufe und Lebensphasen
    • Recherchen zur Barrierefreiheit, die Suche nach Zuständigkeiten und das Einfordern von Teilhaberechten sind meist aufwändig, wiederholt nötig und nicht selten erfolglos
    • Therapien, Untersuchungen und Anträge beanspruchen weitere Ressourcen
    • gleichzeitig kann die Energie begrenzter und schwankend sein

    Das Konzept Crip Time ist auch ein Widerstand gegen die Normzeit und verdeutlicht, dass Zeit etwas Individuelles ist. Es ermutigt insbesondere behinderte und chronisch kranke Menschen, ihr eigenes Tempo zu finden, Pausen zuzulassen und sich von gesellschaftlichen Zeitvorstellungen zu lösen.

    Madelleine Müller sagt dazu:
    „Stell’ dir vor, Crip Time wäre normal. Weniger Menschen würden unter Stress und Burnout leiden. Die psychische Gesundheit könnte sich allgemein verbessern, da der Druck, sich an starre Zeitpläne zu halten, geringer wäre. Insgesamt würde dadurch ein höheres Maß an Inklusivität in unserer Gesellschaft herrschen.“ Mehr zur Quelle unten im Deep(er) Dive.

    Was Uni-Mitarbeitende zum Beispiel tun können:

    (sich) informieren, Barrieren im Arbeitsumfeld wahrnehmen und abbauen

    • Zugänglichkeit des Seminarraums prüfen
    • verlässliche Zeiten (Anfang, Ende, Pause) schaffen

    offen sein, zuhören, reflektieren

    • eigene Denkmuster, Überzeugungen und Macht hinterfragen; eigenen Handlungsspielraum bewusst machen
    • Bedarfe, Erfahrungswerte, Feedback erfragen und berücksichtigen
    • Erreichbarkeit und mögliche Kommunikationswege transparent machen

    nicht vorschnell urteilen

    • Gründe für Fehlzeiten oder Verspätungen in Betracht ziehen, die nichts mit „Faulheit“ oder „Unzuverlässigkeit“ zu tun haben
    • Versäumnisse mit wohlwollender Haltung vertraulich ansprechen
    • Leistungsbegriff hinterfragen – Ist ein Ergebnis schlechter, wenn es anders erbracht wird?

    flexibel und kreativ sein, eigenen Spielraum und eigene Möglichkeiten nutzen

    • bei Hausarbeiten Bearbeitungszeit verlängern
    • bei Klausuren Schreibzeit verlängern, technische Hilfsmittel, Schreibassistenz oder Ruhepause ermöglichen
    • Ersatzleistungen, Aufzeichnungen oder Online-Teilnahme ermöglichen, wenn eine regelmäßige (Präsenz-)Teilnahme an (Block-)Veranstaltungen nicht leistbar ist 
    • von starren Zeitvorgaben bei (Labor-)Praktika und Exkursionen abrücken

    Studierende informieren, ermutigen und empowern

    • ermutigen, Nachteilsausgleiche in Anspruch zu nehmen
    • über weitere Anlaufstellen wie auch Peer-to-Peer- und Selbstvertretungsstrukturen informieren
    • Ally sein 

    ...und nicht zuletzt sind auch strukturelle Veränderungen nötig, um zum Beispiel ein Teilzeitstudium und eine längere Studiendauer ohne Nachteile zu ermöglichen.

  • Frohe Feiertage!? – Einsamkeit in der (Vor-)Weihnachtszeit

    pov: Du hast den Wichtelabend schon im letzten Jahr abgesagt. Jetzt traust du dich nicht, überhaupt zuzusagen, aus Angst, wieder kurzfristig auszufallen. Also gibst du vor, schon woanders eingeladen zu sein.

    pov: Auf Weihnachtsfeiern gibt es fast nur Dinge, die du nicht verträgst (Alkohol, Gluten, Zucker, Fettiges). Alle essen und trinken gemeinsam und du sitzt nur daneben und fühlst dich außen vor.

    pov: Wie in jedem Jahr feiern deine Freund*innen zusammen Silvester. Dieses Jahr wirst du nicht eingeladen, weil alle davon ausgehen, dass du eh nicht kommst. Du wärst gerne gekommen, aber möchtest dich nicht selbst einladen.

    Viele Menschen feiern in diesem Monat die Adventszeit, Weihnachten und Silvester. Sie treffen sich zu Weihnachtsfeiern und -märkten, essen Kekse, trinken Glühwein und beschenken einander zum „Fest der Liebe“. Doch insbesondere für chronisch kranke und behinderte Studierende kann die (Vor-)Weihnachtszeit auch Einsamkeit verstärken:

    • mehr Belastung, weniger Energie: Zum Jahresende häufen sich Deadlines und Feiertagsstress. Gleichzeitig werden im Winter Symptome häufig stärker und es fehlt die Kraft für soziale Aktivitäten. Das Gefühl, nicht mithalten zu können, wächst.

    • soziale Ausschlüsse durch Barrieren: Viele Aktivitäten wie Weihnachtsmärkte oder Silvesterfeiern sind nicht barrierefrei, laut und/oder körperlich anstrengend. Essen und Alkohol spielen eine große Rolle, was einige Menschen zusätzlich ausschließt.

    • Wegfall sozialer Strukturen: Wenn die Uni schließt, fallen wichtige soziale Kontakte durch Seminare, Tutorien oder Mensen weg. Viele Kommiliton*innen fahren in die Heimat. Studierende, die ohnehin viel Zeit zu Hause verbringen (müssen), sind dann oft noch stärker isoliert.

    • finanzielle Mehrbelastungen: Viele chronisch kranke oder behinderte Studierende haben höhere Ausgaben, etwa durch Medikamente oder Therapien, und können nicht immer etwas dazuverdienen. Zum Teil bleibt kein Geld für Geschenke, Weihnachtsessen, Glühwein oder Zugtickets für (Familien-)Besuche übrig.

    • Vergleich mit idealisierten Erwartungen: Überall hört man „Weihnachten = Gemeinschaft, Freude, Wärme“ und es gibt vermehrt soziale Anlässe. Wer diese Erfahrung nicht machen kann, fühlt sich schnell „falsch“ oder „abgekoppelt“. Der gesellschaftliche Druck macht die eigene Isolation spürbarer.

    Hinzu kommt: Einsamkeit und Isolation sind tabuisiert und oft schambesetzt – gerade jetzt, wo gefühlt alle anderen nach Hause fahren, eingeladen werden, einladen, feiern und eine gute Zeit haben.

    Aus dieser Situation zu sagen „Ich bin alleine” ist nicht nur schwer, sondern findet auch nicht immer Gehör. Einsamkeit und Isolation bleiben so häufig unsichtbar.

    Aber auch wer die Feiertage nicht allein verbringt, kann sich einsam fühlen.

    Das Umfeld geht nicht immer sensibel mit Behinderung oder chronischer Krankheit um. Übergriffige Kommentare lassen einen unverstanden und ausgeschlossen fühlen, zum Beispiel:

    Wieso kannst du das denn jetzt schon wieder nicht essen?“

    Reiß dich doch mal zusammen und lächle. Es ist doch Weihnachten!“

    Ach du bist immer noch nicht mit deinem Studium fertig?“

    „Nach Hause fahren“ bedeutet dann eher emotionalen Stress als Geborgenheit.

    Einsamkeit und Symptome einer chronischen Erkrankung können sich dabei gegenseitig verstärken:

    Wer chronisch krank ist, kann weniger an sozialen Aktivitäten teilnehmen und ist eventuell stärker isoliert.

    Zugleich ist Einsamkeit ein Stressfaktor, der Symptome verschlimmern und die Entstehung bestimmter Krankheiten begünstigen kann.

    Was du für deine behinderten und chronisch kranken Kommiliton*innen zum Beispiel tun kannst:

    • Lade deine chronisch kranken und behinderten Freund*innen auch dann ein, wenn du davon ausgehst, dass sie nicht kommen werden. Frag sie, was sie brauchen, um dabei sein zu können.

    • Wähle soziale Aktivitäten so, dass sie möglichst barrierearm sind, zum Beispiel Sit-in Zuhause mit glutenfreien Keksen und alkoholfreiem Punsch statt trubeligem Weihnachtsmarkt. 

    • Vielleicht gibt es eine Person in deinem Umfeld, von der du länger nichts gehört hast? Schreib ihr doch mal eine Nachricht oder ruf sie an, um zu fragen, wie es ihr geht.

    • Kleine Dinge können einen großen Unterschied machen!

    Und wenn du gerade selbst einsam bist, dann hilft es vielleicht, zu wissen: Du bist damit nicht alleine.

    Falls du jemanden zum Reden oder Schreiben suchst, ist vielleicht die Telefonseelsorge etwas für dich. 

  • Able-Passing

    ...und die ständige Anstrengung, eine Behinderung oder Erkrankung zu verbergen

    pov: Du sitzt mit starken Symptomen im Seminar und musst deine ganze Konzentration dafür aufwenden, dir nichts anmerken zu lassen. Dem Seminar kannst du deshalb nicht folgen.

    pov: Du lässt deine Akupressurbälle zuhause, damit Kommiliton*innen dich nicht für komisch halten. Dein Angst- und Stresslevel nimmt dadurch immer weiter zu. 

    pov: Du verzichtest auf einen Nachteilsausgleich, damit niemand erfährt, dass du chronisch krank bist. Du befürchtest, dass deine Dozierenden dich ansonsten für weniger kompetent halten.

    Das ist Teil von Able-Passing (engl.: able = fähig im Sinne von nicht behindert; passing = (als etwas) durchgehen) das (un-)bewusste Verbergen oder Weglassen von behinderungs- und krankheitsbezogenen Aspekten wie der Diagnose, Symptomen oder Hilfsmitteln, um nicht aufzufallen, stigmatisiert oder diskriminiert zu werden. In der autistischen Selbstvertretung wird das Masking genannt.

    Able-Passing beruht auf dem Konzept der „Compulsory Able-Bodiedness" (▶ mehr dazu im Deep(er) Dive) – dem gesellschaftlichen Zwang, gesund, leistungsfähig und funktionierend zu wirken. Viele behinderte und chronisch kranke Studierende haben Compulsory Able-Bodiedness so stark verinnerlicht, dass sie die Behinderung oder Erkrankung selbst als etwas wahrnehmen, was versteckt oder ausgeglichen werden muss. 

    Sie befürchten zudem direkte negative Reaktionen auf ihre Behinderung/Erkrankung, zum Beispiel:

    „Was, wenn meine Kommiliton*innen mich als „anders” oder „komisch” wahrnehmen?“
    „Ich will nicht immer auffallen oder eine „Extrawurst”.“
    „Werden meine Dozierenden mich schwächer oder weniger leistungsfähig einschätzen, wenn sie von meiner Behinderung erfahren?“
    „Werde ich auf meine Diagnose reduziert? Ich will nicht, dass es ständig Thema wird.“
    „Was, wenn angezweifelt wird, ob ich meine Hilfsmittel brauche und ich mich rechtfertigen muss?“
    „Es bringt doch eh nichts, wenn ich um Nachteilsausgleich bitte.“

    Able-Passing kann dabei unterschiedliche Strategien der Anpassung an Erwartungen der Umgebung umfassen, zum Beispiel:

    • Bedürfnisse verbergen (Pausen brauchen, Reizüberlastung)
    • Schmerzen, Erschöpfung oder Ängste „weglächeln“
    • benötigte Hilfsmittel nicht nutzen
    • so tun, als ob Aufgaben problemlos gehen
    • die Diagnose nicht offenlegen/ verschweigen
    • Nachahmen von Kommunikationsstilen

    Diese erfüllen nicht nur die Funktion, vor Ablehnung, Benachteiligung und Stigmatisierung zu schützen, sondern gehen häufig auch mit negativen Folgen einher:

    • Identitätskonflikte („Wer bin ich ohne ‚Maske’?”)
    • starke Erschöpfung, Burnout
    • Symptomverstärkung
    • Stress und Ängste
    • weniger Zugang zu Unterstützung oder Nachteilsausgleichen
    • oberflächliche, nicht authentische Beziehungen, Einsamkeit
    • hoher kognitiver Aufwand und Konzentrationsschwierigkeiten, in Folge dessen u. a. Verschlechterung der Studienleistungen.

    Sowohl die mit Able-Passing verbundene Anpassungsarbeit als auch das Wahrgenommenwerden als behindert oder chronisch krank sind also jeweils mit Belastungen verbunden, die immer wieder gegeneinander abgewogen werden müssen. Diese Belastungen führen zu einem Offenbarungsdilemma:

    Die Offenlegung einer Behinderung oder Erkrankung kann den Zugang zu Unterstützung ermöglichen, gleichzeitig aber auch das Risiko von Stigmatisierung erhöhen.

    Was Uni-Mitarbeitende zum Beispiel tun können:

    Das Ziel ist, einen möglichst sicheren Rahmen schaffen.

    • in Seminaren über Behinderung/ chronische Erkrankung und die Möglichkeit für z. B. Pausen, Essen und Hilfsmittelnutzung sprechen
    • ermutigen, Nachteilsausgleiche in Anspruch zu nehmen
    • wenn gewollt, eigene Hilfsmittel sichtbar nutzen (z. B. Fidget, Wärmflasche, Blutzuckersensor)
    • wenn gewollt, eigene Bedarfe aktiv kommunizieren und ermutigen („Ich brauche kurz Bewegung, dann bin ich wieder präsenter.“, „Ich passe meine Arbeitsweise an meine Gesundheit an. Das dürfen Sie auch.“)

    Insgesamt gilt: Je weniger Studierende sich an ein starres „Normalitätsideal“ anpassen müssen, desto weniger Energie geht in Able-Passing verloren – und desto mehr bleibt fürs Lernen Leben.

  • Super Crip

    ...wie normale Tätigkeiten und besondere Leistungen ableistisch geframed werden

    pov: Du hast im Seminar einen guten Vortrag gehalten. Eine Mitstudentin sagt im Anschluss, wie toll es ist, dass du das „trotz deiner Erkrankung“ geschafft hast und nennt dich ein echtes Vorbild. 

    pov: Für deinen behinderten Freund, ein Überflieger, werden ungefragt Barrieren im Studium beseitigt. Du hast durchschnittliche Noten und wirst abgewiesen, wenn du auf für dich vorhandene Barrieren hinweist. 

    pov: Wenn du im Studium aufgrund deiner Behinderung überfordert bist, wird dir oft geraten, ein Urlaubssemester zu nehmen oder doch lieber eine Ausbildung zu machen. Du traust dich daher nicht mehr, um Hilfe zu bitten und verspürst den Druck, immer zu funktionieren.

    Das veranschaulicht den Begriff Super Crip (engl.: „Super-Krüppel“) – ein gesellschaftliches Narrativ, in dem behinderte und chronisch kranke Menschen nicht als Individuen, sondern primär anhand ihrer vermeintlichen oder tatsächlichen Leistungsfähigkeit wahrgenommen und bewertet werden. Das Konzept umfasst mehrere Dimensionen, die ableistisch sind.

    Lob für Alltägliches:

    „Wow, stark, dass du trotz deiner Behinderung studierst!“ 
    Gewöhnliches wird als außergewöhnlich gerahmt, weil Behinderung und chronische Erkrankung implizit mit Unfähigkeit gleichgesetzt werden. Das Lob wirkt nett, ist aber paternalistisch und entmündigend.

    Bedingte Barrieresensibilität und überhöhte Leistungserwartungen:
    „Wir müssen unsere Uni barrierearm machen, damit auch der nächste Stephen Hawking hier studieren könnte!“ 
    Barrierefreiheit und soziale Anerkennung werden behinderten und chronisch kranken Menschen nur dann zugestanden, wenn sie außergewöhnlich leistungsfähig und für Nicht-Behinderte von Nutzen sind. Das setzt unrealistische Erwartungen und wertet diejenigen ab, die ihre Behinderung/ Erkrankung nicht „besiegen“.

    Das führt auch zur Verinnerlichung überhöhter Leistungserwartungen: 
    Oft haben behinderte und chronisch kranke Menschen selbst den Anspruch verinnerlicht, die Behinderung oder Erkrankung durch besondere Leistungen „auszugleichen“. Das kann Schuld- und Schamgefühle auslösen, wenn sie die mit der Behinderung oder Erkrankung verbundenen Einschränkungen nicht eigenständig „überwinden“.

    Die Verinnerlichung überhöhter Leistungserwartungen zeigt sich etwa in folgenden Zitaten:

    „Mein Leben lang habe ich einen inneren Druck verspürt, akademisch überdurchschnittliche Leistungen zu erbringen, aus Angst, sonst den Respekt anderer zu verlieren.“ – Kevin Mintz.

    „Ich muss doppelt so gut sein wie die anderen, um gesehen zu werden. (...) Dahinter steht die Idee, die Behinderung durch Leistung aufzuwiegen und mithin an Wert zu gewinnen.“ – Tanja Kollodzieyski, S. 8.

    „Als Mensch mit einer lebenslangen Behinderung muss ich mich fragen: Warum müssen Menschen mit Behinderung Außergewöhnliches leisten, um ernst genommen zu werden? Warum müssen wir im Grunde nichtbehinderte Menschen nachahmen, um Respekt zu gewinnen?“ – Ben Mattlin.

    ▶ Mehr zu den Quellen unten im Deep(er) Dive.

    Der gesellschaftliche Anspruch, die Behinderung/Erkrankung zu überwinden, um dann als „Super Crip“ von der nicht-behinderten Welt „gefeiert“ zu werden, steht in einem engen Zusammenhang mit Inspiration Porn (engl.: „Inspirationsporno“). Der Begriff wurde von Stella Young geprägt und bezeichnet die emotionalisierende, bewundernde und objektifizierende Darstellung von Menschen mit Behinderung oder chronischer Erkrankung, bei der ihre Existenz, Tätigkeiten oder Leistungen primär dazu dienen, nicht-behinderte Menschen zu inspirieren.

    Hinweis: „Inspiration Porn“ wird von behinderten Sexarbeitenden kritisiert, da Pornografie mit Ausbeutung gleichgesetzt wird. @EbThen hat vor diesem Hintergrund auf Twitter/X den Ausdruck „Inspiration Exploitation“ (engl.: „Inspirations-Ausbeutung“) geprägt.

    „Super-Crip-Geschichten sind eine Untergruppe von ‚Inspiration Porn‘. Der Begriff (...) bezeichnet Darstellungen von behinderten Menschen, die sie als Inspirationsquellen (und nicht als Individuen) behandeln. Damit wird zum Ausdruck gebracht, dass behinderte Menschen nur existieren oder es sich nur lohnt, sie zu fotografieren und über sie zu schreiben, um nichtbehinderte Menschen zu inspirieren oder zu motivieren. (...) Ich weiß gar nicht, wie oft mir schon dafür applaudiert wurde, dass ich einfach nur einkaufen oder ins Kino gegangen bin – ‚Gut gemacht, Kumpel!‘, ‚Schön, dass du heute raus bist!‘“ Ben Mattlin. 

    ▶ Mehr zur Quelle unten im Deep(er) Dive.

    Inspiration Porn und Super Crip Narrative machen nicht nur die Struggles, Erschöpfung und Barrieren von behinderten und chronisch kranken Menschen unsichtbar, sondern führen auch dazu, dass die gesellschaftliche Verantwortung, Barrieren zu beseitigen, nicht wahrgenommen wird.

    Fragen, die sich Uni-Mitarbeitende zum Beispiel stellen können: 
    Was erwarte ich von wem (nicht) und warum? (Wie) wirkt sich das auf mein Verhalten und meine Bewertungen aus?

  • Spoon Theory

    ...wenn die verfügbare Energie begrenzt ist und sorgfältig eingeteilt werden muss

    pov: Du kommst von der Uni nach Hause und musst dich entscheiden, ob du heute noch einkaufen gehst oder an der Studienleistung arbeitest, weil für beides die Energie nicht reicht.

    pov: Die Bahn hält aufgrund einer Störung 2 Stationen vor der Uni und du musst den Rest ungeplant laufen. Die zusätzliche Anstrengung kostet dich so viel Kraft und Energie, dass du das letzte Seminar an dem Tag nicht mehr schaffst und vorzeitig nach Hause fahren musst.

    pov: Am Semesterende findet nach der letzten Klausur eine Party bei deiner besten Freundin statt. Du weißt, dass beides eigentlich zu viel für deinen Körper ist und du die nächsten Tage mit einem Symptom-Flare-up im Bett verbringen wirst.

    Das veranschaulicht die Spoon Theory (engl.: „Löffel-Theorie“), ein 2003 von Christine Miserandino entwickeltes Gedankenexperiment, das die begrenzte Energie von Menschen mit chronischen Krankheiten oder Behinderungen visualisiert. 
    Alltagsaktivitäten können dabei körperlich, kognitiv oder emotional sein und unterschiedlich viele Löffel kosten: 
    ein Löffel: z. B. aufstehen, Zähneputzen, sich anziehen 
    zwei Löffel: z. B. kochen, eine halbe Stunde konzentriert an der Hausarbeit schreiben, zur Bahn gehen 
    drei Löffel: z. B. einkaufen, eine unerfreuliche Mail lesen, ein Seminar besuchen
    Miserandinos Freundin hatte all ihre Löffel abgegeben, noch bevor der fiktive Tag vorbei war.

    Die Spoon Theory veranschaulicht, wie behinderte und chronisch kranke Menschen ihre Energie („Löffel“) rationieren müssen. Werden mehr als die zur Verfügung stehenden Löffel benötigt, kommt es zu einer Symptomverstärkung („Crash”/„Flare-up”) und am nächsten Tag ist die Anzahl der Löffel noch begrenzter. „Spoonies“ müssen ihren Tag daher häufig genau planen, Prioritäten setzen und Aktivitäten gegeneinander abwiegen. Unvorhergesehenes kann dazu führen, dass Termine spontan abgesagt werden müssen.

    Christina Miserandino veranschaulicht das in ihrem Essay „The Spoon Theory“:

    „Ich muss über das Wetter, meine Körpertemperatur an dem Tag und die Pläne für den ganzen Tag nachdenken, bevor ich mich an eine bestimmte Sache machen kann. Während andere Menschen Dinge einfach tun können, muss ich einen Plan erstellen, als würde ich eine Kriegsstrategie entwickeln. In diesem Lebensstil liegt der Unterschied zwischen krank und gesund sein. Es ist die schöne Fähigkeit, nicht nachzudenken und einfach zu handeln.“ 
    „Wenn deine ‚Löffel’ weg sind, sind sie weg. Manchmal kann man sich etwas von den ‚Löffeln’ für morgen ausleihen, aber denk daran, wie schwer der morgige Tag mit weniger ‚Löffeln’ sein wird.“

    Diese Realität von vielen behinderten und chronisch kranken Menschen steht in einem Widerspruch zum Leistungsanspruch an Universitäten.
    Die perfekte Person an der Uni ist „keine Person, die gesundheitliche Schwankungen erlebt, sondern die jederzeit verfügbar und ‚über-leistungsfähig’ ist.“ (Marco Miguel Valero Sanchez, in „Über Ableismus in Hochschule und Wissenschaft“ (min. 16:04 – 16:13), Quelle unten im Deep(er) Dive.) 
    Das Problem: Das Ideal eines immer leistungsfähigen Körpers ist ableistisch und verschiebt strukturelle Verantwortung auf das Individuum. Nicht die Uni mit ihren starren Fristen, Anwesenheitspflichten und normierten Leistungsformaten gilt hier als veränderungsbedürftig, sondern die Person, die diesen Anforderungen nicht dauerhaft entsprechen kann.


    Was Uni-Mitarbeitende zum Beispiel tun können:

    Flexibilität ermöglichen 
    großzügige oder flexible Abgabefristen, alternative Prüfungstermine

    Planbarkeit erhöhen 
    frühzeitige Bereitstellung von Materialien, transparente Anforderungen, klare Deadlines ohne kurzfristige Änderungen

    Anwesenheit neu denken 
    hybride und asynchrone Teilnahmemöglichkeiten, Aufzeichnungen von Lehrveranstaltungen

    Ruhe- und Rückzugsräume schaffen 
    stille und reizarme Räume mit Liegemöglichkeiten zur Verfügung stellen, für Gruppenarbeiten und Blocktage, wenn möglich, zwei Seminarräume buchen

    Arbeitsaufwand realistisch gestalten 
    Umfang von Studien- und Prüfungsleistungen kritisch prüfen, Pufferzeiten einplanen

    Nachteilsausgleich aktiv unterstützen 
    nicht nur formal gewähren, sondern aktiv thematisieren und konstruktiv mitdenken, wie Anpassungen konkret aussehen können

    Kommunikationskultur verändern 
    Offenheit für Gespräche ohne Rechtfertigungsdruck, sensible Sprache, Vertraulichkeit wahren

  • Abled Savior Complex

    ...wenn Engagement ableistisch ist

    pov: An deiner Uni wird ein „Inklusionsprojekt“ von nicht-behinderten Studierenden organisiert. Sie stellen es öffentlich als großen Fortschritt dar und werden dafür gelobt. Das Projekt geht komplett an deinen Behinderungserfahrungen und Bedarfen vorbei. 

    pov: Für eine Gruppenarbeit verteilt die Dozentin die Aufgaben ungefragt ungleich umfangreich, weil sie dich „entlasten“ möchte und präsentiert sich als besonders rücksichtsvoll gegenüber behinderten und chronisch kranken Studierenden. Du möchtest eigentlich denselben Anteil wie alle anderen übernehmen. 

    pov: Ein Professor spricht in der Vorlesung über die Notwendigkeit von Inklusion und betont, dass ihm der Einsatz für mehr Barrierefreiheit ein großes Anliegen sei. Als du ihn nach einer Hilfskraftstelle fragst, erklärt er, die Uni sei noch nicht auf deine Behinderung „vorbereitet“.

    Das veranschaulicht den Abled Savior Complex (engl. in etwa: „Retter*innenkomplex nicht-behinderter Menschen“; auch: „Able Savior Complex“), das ableistische Verhalten, bei dem nicht-behinderte Menschen behinderten und chronisch kranken Menschen ungefragt und gegen deren Wunsch „Hilfe“ aufdrängen oder für sie sprechen, dies als wohltätig oder rettend empfinden und oft auch selbstdarstellend inszenieren. Diese Taten sind jedoch alles andere als hilfreich, da sie stigmatisieren, bevormunden und am tatsächlichen Bedarf vorbeigehen. Sie erfolgen aus einer Machtposition heraus und vermitteln das Bild, Menschen mit Behinderung/chronischer Erkrankung seien grundsätzlich unwissend sowie leidend, bemitleidenswert und hilfsbedürftig.

    Lena Müller veranschaulicht das in ihrem Artikel „Der able Savior“:

    „Für den able savior sind wir Menschen mit Behinderung ein schwacher Einheitsbrei, dem er sich erbarmt, wenn und wie er gerade Lust darauf hat. Und dafür erwartet der able savior Dankbarkeit. (...) Teilhabe ist ein Menschenrecht. Und das ist, was wir wollen: Echte Teilhabe, kein Erbarmen, kein ‚Gerettetwerden‘. Wir wollen einfach unser Leben leben, auf Augenhöhe [Redewendung] behandelt werden, auch wenn unsere tatsächliche Augenhöhe manchmal etwas niedriger sein mag.“ 

    Der Abled Savior Complex ist eng verbunden mit...

    PLOD ((non-disabled) People Living off Disability, engl.: (nicht-behinderte) Menschen, die sich an behinderten Menschen bereichern) 
    PLOD bezeichnet nicht-behinderte Personen, die im Namen von Unterstützung für behinderte Menschen handeln, dabei jedoch bevormunden, Teilhabe einschränken und inklusive Strukturen abbauen. Gleichzeitig profitieren sie sozial, finanziell oder symbolisch von dieser Rolle, etwa durch Anerkennung, berufliche Vorteile oder persönliche Aufwertung. 
    PLODs sind häufig auch Abled Saviors, weil sie sich als „Helfer*innen“ oder „Retter*innen“ darstellen, dabei jedoch Macht, Anerkennung und Kontrolle über Entscheidungen rund um Behinderung behalten.

    Lela Finkbeiner hat den PLOD-Begriff umfassend in ihrem Beitrag „Ändert das System, nicht uns!“ beschrieben. Darin schreibt sie unter anderem:

    „Auch Mitarbeitende an Universitäten, welche sich mit allen Aspekten rund um das Thema Behinderung befassen, können PLODs sein. Sie erforschen Gebärdensprachen, lehren sie und bauen ihre persönlichen Karrieren auf der Ausbeutung von Menschen mit Behinderungen auf. Dabei ziehen sie die Teilhabe behinderter Menschen nicht in Betracht und beziehen behinderte Expert*innen schon gar nicht in die Mitarbeit ein.“

    Disability Dongle (engl. frei übersetzt: Alibi-Lösung für Barrieren) 
    Disability Dongles sind Designs oder Technologien, die dafür gedacht sind, vermeintliche Probleme behinderter und chronisch kranker Menschen zu lösen, in Wirklichkeit aber komplett an ihren Bedarfen vorbeigehen. Beispiele für Disability Dongles sind Rollstühle im „Segway-Style“ oder Brillen, die autistische Kinder beim Augenkontakt unterstützen sollen. Die Entwickler*innen von Disability Dongles sind häufig auch Abled Saviors: Sie entwickeln ein Produkt, um behinderten und chronisch kranken Menschen zu „helfen“ und werden dafür von der Mehrheitsgesellschaft gefeiert, obwohl sie behinderte und chronisch kranke Menschen nie nach ihren tatsächlichen Barrieren gefragt haben.

    Raúl Krauthausen hat den Ausdruck Disability Dongle umfassend in seinem Artikel „‚Disability Dongle‘: Wenn nicht behinderte Lösungen für behinderte Menschen kreieren“ beschrieben. Darin schreibt er unter anderem:

    „Disability Dongles projizieren die normativen Standards der Dominanzgesellschaft auf behinderte Menschen, indem sie einen potenziellen ‚Makel‘ ‚heilen‘, wie im Fall der Google Glasses die Kommunikation autistischer Menschen. Gleichzeitig präsentieren die Medien Disability Dongles als Wohlfühlgeschichten, sodass sich die Dominanzgesellschaft nicht mit tatsächlicher Inklusion beschäftigen oder Barrieren wirklich abbauen muss. Den Entwickler*innen von Disability Dongles ist überhaupt nicht bewusst, welche Barrieren für behinderte Menschen existieren und wie diese zu lösen wären, weil sie nicht mit behinderten Menschen sprechen.“ 

    Fragen, die sich Uni-Mitarbeitende und Mitstudierende zum Beispiel stellen können:

    Habe ich gefragt, ob meine Hilfe erwünscht ist? Oder bin ich davon ausgegangen, weil die Person behindert oder chronisch krank ist?

    Habe ich mich erkundigt, was hilfreich wäre, oder habe ich etwas vorausgesetzt? 
    Ist mein Hilfe-Angebot an (bestimmte) Bedingungen oder Dankbarkeitserwartungen gebunden?

    Beziehe ich die Sichtweisen und Erfahrungen von behinderten und chronisch kranken Menschen ein, wenn ich über sie spreche oder unterstütze ich sie dabei, selbst gehört zu werden?

    Trägt mein Engagement wirklich zu mehr Teilhabe und Selbstbestimmung bei oder dient es nur meinem eigenen guten Gefühl?

  • Ablesplaining

    ...wenn behinderten und chronisch kranken Menschen ihre Behinderung/Erkrankung erklärt wird

    pov: Du bist aufgrund deiner Erkrankung häufig stark erschöpft und schaffst es nicht immer zu den Präsenzseminaren. Ein Mitstudent entgegnet, er sei auch oft müde nach dem Wochenende und empfiehlt dir Sport und Elektrolytgetränke.

    pov: Eine Dozentin spricht im Seminar abwertend über Medikation bei ADHS. Als du einwirfst, dass dir ADHS-Medikamente im Alltag helfen, erwidert sie, dass sie das nicht glauben kann und eher eine Verhaltenstherapie empfehlen würde.

    pov: In einer Diskussion erklärt ein nicht-behinderter Mitstudent ausführlich, dass der Begriff „behindert“ unpassend sei und stattdessen „mit besonderen Bedürfnissen“ verwendet werden sollte. Als du argumentierst, warum du die Bezeichnung für dich ablehnst, sagt er, er arbeite ja schließlich in einer inklusiven Wohngruppe.

    Das veranschaulicht Ablesplaining (zusammengesetzt aus „able“ („fähig“/nicht-behindert) und „explaining“ (erklären)), das ungefragte Erteilen von Ratschlägen an oder Belehren von behinderten oder chronisch kranken Menschen rund um ihren Körper, ihre Gesundheit, ihre Selbstbezeichnungen, ihren Alltag oder auch unabhängig davon – einfach auf Grund des Vorhandenseins der Behinderung/Erkrankung. Dabei wird ihre eigene Expertise oft abgewertet und angenommen, dass nicht-behinderte Menschen besser wissen, was behinderte und chronisch kranke Menschen (für ihre „Genesung“) brauchen, was ihnen guttut oder was „richtig“ ist.

    In dem Text „Immer wieder glauben mir Menschen meinen Autismus nicht“ von Konrad Wolf berichtet Anja von ihren Erfahrungen mit Ablesplaining:

    „Leider geben mir sogar Verwandte und Freund*innen Tipps wie ‚Wenn du nur genug Sport machst, dann wird das schon wieder‘ oder ‚Probier doch mal Yoga aus, um dein Immunsystem zu stärken‘. Das finde ich ziemlich respektlos. Ich bin diejenige, die sich bereits Fachmeinungen von unzähligen Ärzt*innen eingeholt hat, die diverse Fachtexte gelesen hat und die vor allem die Krankheit durchlebt hat. Wohingegen die Leute, die mir diese ungebetenen Ratschläge geben, meist keinen einzigen Text zum Thema gelesen haben und dennoch meinen, mich beraten zu müssen. Ich möchte als Betroffene als Expertin für meine eigene Behinderung anerkannt werden.“ 

    Häufig steckt in Ablesplaining auch die Annahme, dass jede Erkrankung heilbar sei und jedes Symptom durch die „richtige“ Methode oder Einstellung gelöst werden könnte. Bei behinderten und chronisch kranken Menschen kann das Schuld- und Schamgefühle auslösen, weil ihnen suggeriert wird, sie seien selbst für ihre Behinderung bzw. Krankheit verantwortlich und müssten sich nur ausreichend anstrengen, um die erlebten Barrieren oder ihre Beschwerden zu überwinden.

    Ablesplaining zwingt behinderte und chronisch kranke Menschen so in eine defensive Haltung, in der sie die eigene Erkrankung, die Intensität der Symptome oder den individuellen Umgang damit immer wieder erklären, beweisen oder verteidigen müssen. Das nennt man auch Rechtfertigungsdruck:
    Behinderte und chronisch kranke Studierende stehen z. B. unter dem Druck, intime Details ihrer Erkrankung offenzulegen oder die Notwendigkeit von Hilfsmitteln übermäßig ausführlich zu begründen (Das führt auch zum Offenbarungsdilemma, mehr dazu unter dem Thema „Able-Passing“).

    Ablesplaining kann auch dazu beitragen, dass behinderte und chronisch kranke Studierende ihre eigenen Grenzen in Frage stellen, sich übermäßig anpassen oder ihre Beschwerden kleinreden, um nicht erneut angezweifelt oder belehrt zu werden. Einige zweifeln sogar an ihrer eigenen Wahrnehmung, wie in der folgenden Aussage von Christhina aus dem Text „Immer wieder glauben mir Menschen meinen Autismus nicht“ (Konrad Wolf) deutlich wird: 
    „Ich glaubte mir meine Schmerzen irgendwann selbst nicht mehr. Übertrieb ich? Ich begann, meine Symptome herunterzuspielen und meine Beschwerden zu verbergen.“ 

    Was Uni-Mitarbeitende und Mitstudierende zum Beispiel beachten sollten:

    Akzeptiert behinderte und chronisch kranke Studierende als Expert*innen ihrer Situation.

    Verzichtet auf ungefragte Ratschläge. 

    Die Diagnosen, Krankheitsgeschichten und Symptome deiner (Mit-)Studierenden gehen dich nichts an. Sie sind dir keine Erklärung schuldig.

  • Tokenism

    ...wenn behinderte und chronisch kranke Menschen nur symbolisch einbezogen werden, ohne ableistische Strukturen abzubauen

    pov: Die Studiengangsleitung präsentiert deine Uni als besonders inklusiv mit der Begründung, dass ja schließlich auch du als chronisch kranke Person hier studieren kannst. Dass du täglich auf Barrieren stößt, wird ignoriert. 

    pov: Du wirst als behinderte Person nur dann in Gremien oder Projektgruppen eingeladen, wenn es um Barrierefreiheit geht. Dabei kannst und möchtest du gar nicht über Barrieren für dich oder gar andere sprechen und hast in anderen Feldern mehr Expertise.

    pov: Du wirst von der Uni-Verwaltung angesprochen, die neue Bilder für ihre Webseite möchte. Du stimmst zu. Hinterher siehst du, dass dein Bild dort als Werbung für Barrierefreiheit verwendet wird. Auf welche Barrieren du mit deiner Behinderung im Uni-Alltag tatsächlich stößt, wurdest du nicht gefragt.

    Das veranschaulicht den Begriff Tokenism (Tokenismus, von engl. „token“: Symbol, Spielstein): Die Praxis, nur symbolisch Angehörige von Minderheiten einzubeziehen, um Vielfalt vorzutäuschen, ohne strukturelle Diskriminierung zu beseitigen. Eine einzelne Person dient dabei als Alibi-Vertreter*in (Token), um Diversität zu demonstrieren, zu monetarisieren und diesbezügliche Vorwürfe zu umgehen/entkräften – während Machtstrukturen und die tatsächlich nicht vorhandene Vielfalt unverändert bleiben. Dies wird u. a. bei Firmen, Institutionen oder in den Medien genutzt und im Zusammenhang mit Behinderung und chronischer Erkrankung auch Abled Washing genannt (mehr dazu in „Behinderung und Ableismus“ von Andrea Schöne).

    In „Behinderung und Ableismus“ (S. 64) schreibt Andrea Schöne von ihren Erfahrungen mit Tokenism:

    „Während meines Studiums wollte mich der Kirchgemeinderat der Hochschulgemeinde unbedingt als Mitglied haben und forderte mich mehrfach auf, mich zur Wahl zu stellen, obwohl ich niemals in den Gottesdienst ging oder sonst durch irgendeinen kirchlichen Bezug aufgefallen bin. Da ich mich stark sozial und politisch an der Universität engagierte, nahm ich dennoch an, man würde sich für mich als Person und meine Ideen interessieren. Letztendlich wurde ich gewählt und musste sehr enttäuscht feststellen, dass die Leute dort sogar regelrecht Angst hatten, wie sie mit behinderten Menschen sprechen sollten, und auch nicht bereit waren, ihre Räumlichkeiten barrierefrei zu gestalten. Ich war nur als Token willkommen, weil es auf dem Papier gut aussah, einen behinderten Menschen im Team zu haben.“ 

    Tokenism ist auch ableistisch (Tokenism kommt auch bei anderen Diskriminierungsformen vor und kann daher ebenso z. B. Rassistisch oder sexistisch sein):

    Der „Token“ wird als Repräsentant*in einer gesamten Gruppe instrumentalisiert und darauf reduziert, anstatt als Individuum wahrgenommen zu werden.

    Dadurch entsteht ein hoher Erwartungsdruck: Tokens stehen unter besonderer Beobachtung und sollen stellvertretend für eine ganze Gruppe sprechen und „funktionieren“, während Fehler schnell verallgemeinert werden.

    Tokens sind durch die lediglich vorgebliche und damit nicht tatsächlich erwünschte Diversität oft isoliert, ohne echte Netzwerke oder Verbündete (z. B. einzige behinderte Person im Team).

    Tokens werden als Zeichen von Diversität präsentiert, ohne dass Barrieren abgebaut werden. Sie werden nach außen sichtbar gemacht, haben nach innen aber kaum Entscheidungsmacht, sodass ableistische Strukturen bestehen bleiben.

    Tokenism ist eng verbunden mit dem Super Crip Narrativ und Inspiration Porn (mehr dazu unter „Super Crip), wo die Behinderung oder chronische Erkrankung im Zusammenhang mit der Leistungsfähigkeit das Merkmal ist, über das eine Person wahrgenommen und bewertet wird.

    Fragen, die sich Uni-Mitarbeitende zum Beispiel stellen sollten:

    Warum möchte ich gerade diese Person einbeziehen? Würde ich diese Person auch dann einbeziehen, wenn sie nicht behindert/chronisch krank wäre?

    Für was beziehe ich eine behinderte/chronisch kranke Person ein? Darf sie auch sprechen, wenn es nicht um das Thema Behinderung oder chronische Erkrankung geht?

    (Wann und warum) Hebe ich jemanden (ungefragt/ungewollt) hervor?

    Was tue ich dafür, dass in meinen Veranstaltungen tatsächlich Barrieren abgebaut werden? (Anregungen dazu bei den weiteren Themen)

  • Abled Fragility

    ...wenn nicht-behinderte Menschen auf die Benennung von Privilegien oder Ableismus gekränkt reagieren

    pov: Du machst deinen Dozenten darauf aufmerksam, dass seine Texte für dich nicht barrierefrei sind. Er verteidigt sich und argumentiert, dass sich „bisher noch niemand beschwert“ habe und dass es im Uni-Alltag eben nicht immer möglich sei, alles für jede einzelne Person anzupassen. 

    pov: In deiner Lerngruppe plant ihr einen Ausflug. Du sagst, dass du so nicht teilnehmen kannst, weil du auf Pausen und ebene Strecken angewiesen bist. Die Gruppe reagiert teils mit Schweigen, einige sagen dass sie erstmal verarbeiten müssen, dass du sie als so ignorant darstellst.

    pov: Ein Kommilitone benutzt das Wort „behindert“ als Beleidigung in einem Gespräch. Als du ihm erklärst, warum das ableistisch ist, reagiert er abwehrend und sagt, das sei „doch nicht so gemeint“ gewesen und du solltest dich „nicht so anstellen“. Er finde außerdem deinen Ton unangemessen.

    Das veranschaulicht Abled Fragility (engl. für nicht-behinderte Fragilität), eine gekränkte, defensive oder aggressive Reaktion von nicht-behinderten Menschen, wenn sie von Menschen mit Behinderung oder Erkrankung auf diskriminierendes Verhalten oder ihre Privilegien (non-disabled privilege) aufmerksam gemacht werden. Diese Reaktion kann sich z. B. in Rechtfertigungen, Leugnen, Schuldumkehr (Victim Blaming), Rückzug, Selbstmitleid oder Wut zeigen. Das wird auch als non-disabled tears (nicht-behinderte Tränen) bezeichnet.

    In ihrem Buch „Behindert und stolz“ verdeutlicht das Luisa L’Audace (S. 214) wie folgt:

    „Als behinderte Person, die regelmäßig auf Ableismus aufmerksam macht, habe ich schon Hunderte Male erlebt, dass mir verletzendes Verhalten vorgeworfen wird, während eigentlich ich diejenige bin, die verletzt wurde. Statt konstruktiv zu reagieren und das eigene Verhalten zu überdenken, werfen die betreffenden Personen mir an den Kopf, ich würde jedes Wort auf die Goldwaage legen und damit allen die Stimmung versauen.“

    Abled Fragility ist häufig auch eine Reaktion auf die Benennung von Mikroaggressionen. Mikroaggressionen sind vordergründig oft beiläufige Äußerungen oder Handlungen, die marginalisierte Menschen subtil herabsetzen, ausschließen oder bevormunden. Auch nicht beabsichtigte Diskriminierung ist eine Form von Gewalt. Zugleich kann sich Abled Fragility in Mikroaggressionen oder im Ablenken von ihnen äußern, zum Beispiel so:

    Derailing: das Thema wird gewechselt, also „entgleist“, weg von der eigentlichen Aussage und hin zu einem Punkt, der zu der eigenen Wahrnehmung bzw. Haltung passt – „Du bist ungerecht!“

    Gaslighting: eine psychologische Manipulation, bei der eine Person dazu gebracht wird, ihre eigene Wahrnehmung, Erinnerung oder Realität infrage zu stellen – „Das hast du falsch verstanden!“

    Tone Policing: die Kritik am Tonfall oder der Ausdrucks-weise einer Person anstelle der inhaltlichen Auseinander-setzung mit ihrer Aussage – hierauf beruht das Narrativ des „Angry Cripples“, des „wütenden Krüppels“ – „Beruhig dich erstmal!“

    Luisa L’Audace hat dazu in „Behindert und stolz“ geschrieben und mit Alina Buschmann 2021 die Empowerment-Plattform „Angry Cripples“ gegründet.

    Was Uni-Mitarbeitende zum Beispiel tun sollten:

    aktiv zuhören 
    nicht sofort erklären, rechtfertigen oder relativieren, sondern aktiv zuhören und ausreden lassen; nachfragen statt widersprechen

    Perspektive anerkennen 
    Expertise von behinderten und chronisch kranken Studierenden ernst nehmen und nicht über ihre Erfahrungen/Verletzung diskutieren oder sie absprechen 

    Verantwortung übernehmen
    anerkennen, dass eigenes Verhalten verletzend oder ableistisch war und sich entschuldigen bzw. für den Hinweis bedanken

    Emotionen reflektieren, nicht ausagieren 
    eigene Betroffenheit, Scham, Wut oder Abwehrimpulse wahrnehmen, aber nicht in den Mittelpunkt stellen; stattdessen warten, bis diese verflogen sind

    dazulernen
    Kritik als Hinweis auf strukturelle Probleme verstehen, aktiv weiterlernen (Literatur, Fortbildungen, Austausch) und das Verhalten entsprechend ändern 

    Macht reflektieren, Feedback einholen 
    eigene institutionelle Position an der Uni mitdenken und bewusst Raum für Anmerkungen und Kritik schaffen

  • Sonderbeitrag von Studierender: Story-Reihe Autismus

    Autismus & Studium – meine Realität

    Hey,

    in den nächsten drei Tagen erhaltet ihr zum „Autism (Awareness & Acceptance) Month“ einen Einblick in mein Leben als autistische Studentin mit mehreren chronischen Erkrankungen. Schön, dass ihr da seid!

    Vorab: Was ist eigentlich Autismus?

    Autismus ist eine genetisch bedingte neurologische Entwicklungsstörung, die jeden Bereich meines Seins beeinflusst.

    Autismus ist keine Krankheit und entsteht auch nicht durch Impfungen oder Ernährung!

    Studium bedeutet für mich neben all den Anforderungen, die ihr auch habt (lernen, sich zurecht finden,...), zusätzlich auch:

    • Reizüberflutung
    • Energiemanagement
    • Zusätzliche Schwierigkeiten in der Interaktion durch all die ungeschriebenen und nicht kommunizierten Regeln
    • Immer wieder auch spontane Änderungen in meinem Tagesablauf
    • uvm.
    MythosRealität
    „Autist*innen können nicht studieren“Viele von uns können durchaus studieren, es sind eher die Rahmenbedingungen, die uns daran hindern oder auch zu Studiumsabbrüchen führen.
    „Autist*innen sind immer besonders gut im Studium“Manche sind gut in bestimmten Bereichen – aber Studium scheitert oft nicht am Verstehen, sondern an Reizen, Energie und Struktur.
    „Du musst dich einfach besser organisieren.“Exekutive Funktionen sind beeinträchtigt. Das ist keine Faulheit, sondern Teil von Autismus.
    „Du brauchst doch keinen Nachteilsausgleich.“Nachteilsausgleich gleicht Barrieren zumindest teilweise aus, er gibt mir keinen Vorteil.
    „Du könntest mehr, wenn du dich mehr anstrengst.“Ich arbeite oft schon über meine Grenzen hinaus. Mehr Druck macht es nicht besser – sondern schlimmer.

    Ihr habt auf diesem Account schon „Able-Passing“ kennengelernt. Im Kontext Autismus wird dies als „Masking“ bezeichnet und beschreibt somit das Unterdrücken autistischer Merkmale sowie das Nachahmen neurotypischen Verhaltens, um den sozialen Erwartungen einer mehrheitlich neurotypisch geprägten Gesellschaft zu entsprechen.

    Zwar ist bekannt, dass Masking mit Erschöpfung, Stress und psychischer Belastung einhergehen kann, doch die genauen Langzeitfolgen einer dauerhaften sozialen Anpassungsleistung sind bisher kaum empirisch untersucht. Studien deuten auf einen Zusammenhang zwischen chronischem Masking und erhöhten Raten von Depressionen, Angststörungen und suizidalen Gedanken hin.

    Tag 2 – so kann ein Uni-Tag aussehen

    Vorbereitung kostet Energie, bevor ich überhaupt losgehe:

    • mental vorbereiten (Ablauf, Unsicherheiten)
    • organisieren (packen, planen, checken)
    • körperlich stabilisieren (Erschöpfung, Kreislauf)
    • Reize mitdenken (Menschen, Geräusche, Wege)

    Fazit: oft bin ich schon erschöpft, bevor es überhaupt losgeht

    Was andere nicht sehen:

    • ständige Reizverarbeitung beginnt beim aufwachen (Licht, Geräusche, Menschen)
    • Masking (anpassen, kontrollieren, funktionieren)
    • körperliche Symptome (Erschöpfung, Kreislauf, Schmerzen)
    • innere Anspannung (durchhalten, nicht auffallen)
    • parallele Belastung: zuhören + verstehen + filtern + stabil bleiben

    Von außen wirke ich oft ruhig, innen kämpfe ich mit massiver Überforderung

    Vor Vorlesungen und Seminaren:

    • wann bin ich vor dem Raum?
    • wie viele andere sind da und werden Menschen da sein, die ich kenne?
    • finde ich ein Gesprächsthema oder schaffe ich es, in ein Thema einzusteigen?
    • schaffe ich den Zusammenbruch erst später?

    In Vorlesungen und Seminaren:

    • zuhören und Inhalte verstehen
    • gleichzeitig Reize verarbeiten (Geräusche, Licht, Menschen)
    • Unsicherheit:
      • wo sitze ich?
      • was passiert inhaltlich?
      • welche Interaktion wird erwartet?
    • Beteiligungsdruck (wann sprechen? wie viel?)
    • Fokus halten trotz Überlastung
    • Gedanken nicht verlieren
    • Informationen filtern & einordnen
    • körperlich stabil bleiben (Erschöpfung, Kreislauf, Schmerzen)
    • Bedürfnisse gehen unter (körperlich & emotional)

    → mein Gehirn arbeitet die ganze Zeit auf Hochtouren

    Übergänge, oder auch: mein persönlicher Horror

    • Wechsel zwischen Situationen kosten viel Energie (z. B. von zuhause → Uni → Pause → nächste Veranstaltung)
    • jedes Mal neu einstellen (Umgebung, Menschen, Erwartungen)
    • keine „fließenden“ Übergänge, sondern oft abrupte Umstellungen
    • Unsicherheit: was passiert als Nächstes?
    • mein System braucht länger, um sich anzupassen
    • Übergänge sind für mich keine Kleinigkeiten, sondern eine massive Belastung

    Realtalk

    Öfter als mir lieb ist muss ich:

    • Veranstaltungen ausfallen lassen
    • früher gehen oder auch später kommen
    • Kraft für die Rechtfertigung meiner Bedarfe aufwenden, nur damit Dinge wie das Nutzen von Gehörschutz in Klausuren verboten werden – diese Kraft fehlt dann bei der Alltagsbewältigung
    • auf gemeinsames Essen in der Mensa verzichten. Es ist einfach zu viel, von allem.
    • mein Leben gegenüber universitären Verpflichtungen (Abgaben, Anwesenheitspflicht) hintenanstellen – auch zum Preis meiner Gesundheit
    • mich von Kommiliton*innen ausgrenzen lassen und von Dozierenden meine Studierfähigkeit infrage stellen lassen – nur wegen Nachteilsausgleichen und notwendigen Anpassungen bei Anwesenheitsregelungen

    Tag 3 – Lösungen und Probleme

    Was helfen kann:

    • Reize bestmöglich reduzieren/regulieren (Kopfhörer, ruhige Orte, ggf. früher gehen)
    • Energie einteilen (nicht alles an einem Tag, Pacing)
    • feste, sichere Strukturen wo möglich (bekannte Plätze, klare Abläufe)
    • genug Pausen + Rückzug
    • Absprachen mit Dozierenden und Kommiliton*innen
    • Nachteilsausgleich nutzen. Tipp: Nehmt zu entsprechenden Ansprechpersonen eurer Uni oder Hochschule möglichst früh Kontakt auf. Auch studentische Gruppen können helfen.
    • klare Kommunikation, wenn möglich
    • Selbstfürsorge & Grenzen ernst nehmen

    → es geht nicht um „perfekt funktionieren“, sondern um machbar bleiben

    Was noch fehlt (mindestens):

    • Verständnis für unsichtbare Belastung
    • weniger Druck & mehr Flexibilität
    • verlässliche Nachteilsausgleiche (unkompliziert & individuell)
    • reizärmere Lernumgebungen
    • klare, transparente und einheitlichere Abläufe (Inhalte, Erwartungen, Änderungen)
    • echte Barrierefreiheit, auch für chronisch Kranke & neurodivergente Menschen
    • ernst genommen werden

    → „Teilhabe“ darf nicht davon abhängen, wie gut ich meine Grenzen übergehe!

  • Sonderbeitrag von Studierendem: Story-Reihe – Studieren mit Sehbehinderung

    Bitte beachten: Die Inhalte dieser Story-Reihe sind bebildert und zum Teil animiert – sie lassen sich in den Highlights bei @pov_universitaet finden.

    Studieren mit Sehbehinderung

    …gleicher Campus, andere Perspektive. Menschen mit Sehbehinderungen nehmen ihre Umwelt anders wahr.

    Das ist Alex. Er studiert mit Sehbehinderung. Er nimmt euch mit durch seinen Unialltag auf die Mission: Hörsaal. – Alex ist fiktiv, aber die Barrieren sind real!

    Mission Hörsaal: Herausforderung (Hin-) Weg

    Wenn auf dem Gehweg viele Leihfahrräder, Roller oder andere Hindernisse stehen und den Weg versperren, ist es mit einer Sehbehinderung nicht einfach auszuweichen. Wenn die bekannten Orientierungspunkte fehlen, fällt der Weg schwerer.

    Die Barriere: (neue) Hindernisse. Falsch geparkte Fahrzeuge versperren den Weg. Für Alex oft ein kompliziertes Rätsel. Die Anstrengung beginnt oft schon vor der ersten Vorlesung.

    Was hilft:

    • Freie Wege

    • Leitsysteme auf dem Boden

    • Ampeln mit akustischen und haptischen Signalen

    Mission Hörsaal: Herausforderung Zeit-Faktor und Orientierung

    Strukturen zur Unterstützung der Orientierung helfen Wege in kürzeren Zeiten zu absolvieren.

    Die Barriere: Alex muss seine Räume rechtzeitig finden und sucht dort seine Freund*innen. Vor allem an unbekannten Orten kann Alex sich nicht allein orientieren.

    Was hilft:

    • Leitsysteme in Gebäuden

    • Taktile Beschreibungen mit Brailleschrift

    Mission Hörsaal: Alex will nicht auffallen

    Es kann unangenehm sein, direkt als Mensch mit Behinderung wahrgenommen zu werden.

    Die Barriere:

    Alex kann die Folien nicht erkennen. Alex möchte nicht auffallen, um sich nicht erklären zu müssen. Alle Fragen “Wieso ist dein Mauszeiger so groß? Was ist das für ein Stock?”.

    Was Alex macht:

    • Der Langstock verschwindet im Rucksack, damit man ihn nicht direkt sieht.

    • Alex setzt sich nach hinten, weil niemand in den ersten Reihen sitzt.

    Das ist Alex:

    Er hat ganz viele Freund*innen, die wissen, wann er Hilfe braucht und möchte. Alex hat gute Strategien entwickelt, um sich selbstständig zurechtzufinden und lernen zu können.

  • DISABILITY PRIDE MONTH – #NichtÜberUnsOhneUns

    In den letzten Monaten hat p.o.v.! sichtbar gemacht, was es bedeuten kann, mit Behinderung oder chronischer Erkrankung zu studieren. Zum Disability Pride Month hat p.o.v.! gefragt, welche Erfahrungen gemacht wurden, was fehlt und was schon hilft.

    Im Folgenden Auszüge der Rückmeldungen:

    Erfahrungen

    Oft habe ich das Gefühl, zu wenig zu schaffen und Schuldgefühle wenn ich pacen muss (obwohl ich weiß, dass es total wichtig ist). Erschöpfung ist auch sehr prominent, mein Fokus liegt auf Funktionieren in Uni und Arbeit, für Hobbies bleibt in der Woche oft keine Kraft mehr übrig.

    Und es ist auch planungstechnisch aufwendig, wenn viele Arzttermine anfallen, man spontan wegen Symptomen nicht kann und trotzdem alle Leistungen erbringen und Gruppenarbeiten schaffen muss.

    Blocktermine sind sehr lang vor allem der Samstag, es werden zu wenige Pausen gemacht, man sitzt sehr lange. (...) Es gibt auch keine Möglichkeit sich zwischendurch hinzulegen außer auf den Boden im Seminarraum. Wenn ich das komplette Seminar durchhalte, sind die Symptome noch Tage danach schlimmer.

    Die Gruppenarbeiten sollen dann im Stehen präsentiert werden, was bei POTS problematisch ist.

    Ich hab meinen Master 2017 gemacht und... Hinterher ging gar nichts mehr. Die Uni hat meinen Körper so zerstört, dass ich bis heute nur schwer aus dem Haus kann. Der Stress, das lange Pendeln, der Workload, der mit Uni allein schon 50 Wochenstunden nie unterschritt und die Tatsache, dass man keinen einzigen Tag, auch am Wochenende nicht, frei hat, weil selbst in den "Ferien" Klausuren, Praktika und vor allem Hausarbeiten anstehen…

    (...) ich stoße im Studium nicht so oft auf Verständnis, wenn es darum geht, dass ich beispielsweise nicht mit auf Studi-Partys komme oder in bestimmten Veranstaltungen einen Hörsaal, der zB keine Toilette in der Nähe hat, zu betreten. Manchmal überwinde ich mich und sitze am Rand und in Türnähe, was oft in meinem Kreis, der gerne zusammensitzen will, zu fragenden Gesichtern führt.

    Studipartys, späte Nachte, Clubbesuche und Alkohol sind bei mir leider nur bedingt bis gar nicht möglich, was sich die letzten Jahre sehr auf meine sozialen Kontakte ausgewirkt hat. Bestimmte Räumlichkeiten führen bei mir zu Angst und Panik, weshalb ich bestimmte Situationen meide. Dies sind aber Dinge, die mir schwer fallen zu erklären, abgesehen von einer Angst vor Ablehnung oder „komisch und penibel“ zu sein. Manchmal bin ich knocked out nach einer VL.

    was fehlt & hilft

    Wenn eine Onlineteilnahme möglich wäre (was nicht alle Dozierenden erlauben) wäre das eine große Hilfe. Mehr Pausen und präsentieren im Sitzen wären eine große Hilfe

    Mehr oder überhaupt Ruheräume an Unis! (Die einfach zugänglich sind)

    Und dass der Alltag einfach von Grund auf mehr accessible ist: z.B. flexible Möglichkeiten für Studienleistung (manche Profs bestehen auf Gruppenarbeiten) und Seminarplanung: ein Block von Fr bis So ist sehr herausfordernd, wenn man 2 Wochen am Stück dann ohne Wochenende durchpowern muss

    Was noch fehlt: zugängliche Infos zum Nachteilsausgleich bei Studienstart (zB in Erstitüte) mit zb FAQ, oft wird gedacht, dass es einem nur mit GdB zusteht.

    Ich würde mir mehr Verständnis und weniger spezifische Fragen und ungefragte Ratschläge wünschen.

    Was mir schon geholfen hat: Austausch mit einer Kommilitonin, die auch chronisch krank ist und generell dass Lehrpersonen oft sehr verständnisvoll sind und einem entgegenkommen (auch ohne Nachteilsausgleich).

    Mir hätte es geholfen, hätte es alle Kurse und VLs auch als Hybridmodell gegeben, damit man von zuhause aus teilnehmen kann. Das hätte mir zumindest etwa 3 Stunden Pendeln am Tag (mehr wegen schlechter Verbindungen, es sind nur 14km) gespart. Und dann eine Lockerung der (ohnehin schon eigentlich illegalen) Anwesenheitspflicht, damit man sich nicht mit einem Asthmaanfall, Migräne oder Ähnlichem in die Uni schleppen muss, weil selbst mit ärztlichen Attest das dritte Fehlen gleichbedeutend mit "Durchgefallen" ist und viele Dozent*innen nicht mal Ersatzleistungen akzeptieren.

    Und ehrlich gesagt hätte ich auch schön gefunden, wenn von Anfang an klar kommuniziert worden wäre, dass Behinderte nur studieren sollten, wenn sie danach in die freie Wirtschaft wollen, weil Universitätsforschung mit Behinderung schwer bis nicht geht - schon deshalb, weil die Unis einen schlicht nicht anstellen WOLLEN. Aber auch, weil die Kurzzeitverträge, häufigen Umzüge und ständige Unsicherheit mit Behinderung noch mal übler sind als ohnehin schon. Ich hätte es dann wahrscheinlich trotzdem gemacht.

    Wer als eingeschränkter Mensch studieren kann hat Glück.

    ...und das muss sich ändern! Bildungsgerechtigkeit darf nicht von Glück und Einzelpersonen abhängen, sondern muss strukturell ermöglicht werden! Was p.o.v.! deshalb fordert, ist im Impulspapier (hier auf der Webseite) zu lesen.

    p.o.v.! sagt Danke!

p.o.v.! Projekt-Abschluss: Impulspapier

Deep(er) dive

... to be continued
Ergänzungen? Mail an pov@ifs.uni-hannover.de!

Kontakt

Email an das Projektteam
Instagram-Account des Projekts
Annika Ließ
Research Staff
Address
Schloßwender Straße 1
30159 Hannover
Building
Room
016
Address
Schloßwender Straße 1
30159 Hannover
Building
Room
016