be_smart

Bedeutung spezifischer Musik-Apps für die Teilhabe von Jugendlichen und jungen Erwachsenen mit komplexen Behinderungen an Kultureller Bildung


Digitalisierung birgt Potenziale für mehr Teilhabe an Kultureller Bildung für Menschen mit schweren Behinderungen. Diese sind im Bereich inklusiver Musikpädagogik bislang wenig genutzt und kaum erforscht.

Das Vorhaben fokussiert deshalb einerseits das subjektive Erleben von jugendlichen MusikerInnen mit schweren Behinderungen sowie andererseits die Herausforderungen und Potenziale, die MusikpädagogInnen in digitalen Musikinstrumenten für ihre Arbeit sehen. Schließlich werden die Interaktions- und Aneignungsprozesse in der musikpädagogischen Praxis mit digitalen Musikinstrumenten untersucht.

Auf diese Weise soll herausgearbeitet werden, wie sich die Nutzung von Musik-Apps interaktional vollzieht und welche Zuschreibungsprozesse involviert sind. Vor allem im Medium Musik sehen wir Potenziale, im Medium der Sprache eingeschriebene Differenzen (männlich/weiblich; schwarz/weiß; behindert/nicht behindert...) zumindest temporär zu suspendieren. Aus dieser Sicht hebt auch das Produkt des gemeinsamen Musizierens die Frage auf, wem dieses zugehörig ist und kann so Kollektivierungsprozesse aktivieren. Da die Verfügbarkeit von Medien zur digitalen Klangerzeugung, bei relativ geringen Kosten, hoch ist sowie die Nutzungsmöglichkeiten für Menschen mit Behinderung nicht zu unterschätzen sind, sehen wir hier noch unerschlossene Möglichkeiten.

Das Vorhaben synthetisiert damit bislang weitgehend unabhängige Perspektiven auf die Implikationen von Digitalisierung für die Ausweitung von Teilhabe an kultureller Bildung, indem Perspektiven der Musikpädagogik, der inklusiven Pädagogik und der Pädagogik bei Behinderung aufeinander bezogen werden. 

Die Arbeitsziele des Vorhabens sind:

  1. Die Möglichkeiten und Herausforderungen von digitalen Medien für neue Zugänge zu Musikproduktion und Musik-Erleben für Jugendliche mit komplexen Behinderungen in unterschiedlichen musikpädagogischen Settings beschreiben und systematisieren.
  2. Die aktuellen Nutzungsstrategien digitaler Medien von MusikpädagogInnen in schulischen und außerschulischen Settings dokumentieren und die diesen Praxen immanent zu Grunde liegenden Überzeugungen und Rahmungen sowie Deutungs- und Bewertungsmuster identifizieren.
  3. Sonderpädagogische Fachexpertise im Bereich der Förderung von Jugendlichen mit komplexen Behinderungen für die inklusive Musikpädagogik aufbereiten und nutzbar machen.
  4. Nutzungsmöglichkeiten digitaler Medien für qualitative Forschungszugänge im Kontext komplexer Behinderung für eine inklusionsorientierte Bildungsforschung jenseits verbalsprachlich basierter Verfahren ausloten und für die Methodenforschung zugänglich machen.

PROJEKTPHASEN

  • Experteninterviews

    Die Experteninterviews zielen auf ExpertInnen ab, die über profundes epistemisches-, sowie praktisches und professionalisiertes Handlungswissen im Rahmen von jeweils einem von vier –  teilweise konvergierenden ­­– Feldern verfügen. Das erste Feld steckt den Bereich der inklusiven kulturellen Bildung ab, hier interessieren uns vor allem ExpertInnen, die in Projekten situiert sind, die alle möglichen Facetten des künstlersich-kulturellen Arbeitens und Austauschens, im Besonderen mit Inklusionskontext realisieren. Das zweite Feld steckt ExpertInnen im Bereich der Anpassung digitaler Medien für Bildungsprozesse von Kindern und Jugendlichen mit schweren Behinderungen ab. Im dritten Feld werden ExpertInnen eingekreist, die im Bereich der Musikbildung bei schwerer Behinderung verortet sind. Das vierte Feld umfasst ExpertInnen, die sich explizit durch eine Expertise im Bereich der App-Musik auszeichnen (bzw. ausgezeichnet sind).

    Die Experteninterviews haben dabei einerseits die Funktion, Feldzugänge zu öffnen und zu intensivieren sowie den Eigenlogiken und Verknüpfungen der jeweiligen Felder auf die Spur zu kommen. Andererseits dienen sie dazu, unsere Forschungsfragen zu präzisieren und mögliche erste Relevanzstrukturen sichtbar zu machen.

    Forschungsanleitend ist bei den Experteninterviews die These, dass ExpertInnen (und ExpertInnenwissen) in modernen Gesellschaften eine konstitutive Funktion zukommt und im Speziellen das relevante Praxiswissen zu unserem Forschungsgegenstand relativ unverbunden in verschiedenen, zunächst voneinandender anbgrenzbaren Feldern fluktuiert.

  • Gruppendiskussionen

    Eine der Hauptannahmen, die dem Gruppendiskussionsverfahren zugrunde liegt, geht weniger davon aus, dass sich Meinungen, Einstellungen und Orientierungen spontan interaktional entwickeln, sondern unterstellt hingegen, dass Kommunikations- und Interaktionsprozesse in einem regelgeleiteten Ablauf passieren und auf geteilten „existentiellen Hintergründen“ basieren, die sich auch in gemeinsamen biografischen Erfahrungen ausdrücken und somit auch im Format der Gruppendiskussion in praxi zum Tragen kommen und anschließend herausgearbeitet werden können.

    Im Rahmen des Projekts werden Gruppendiskussionen mit MusikpädagogInnen aus der Schulmusik (an Förderschulen und inklusiven Regelschulen) und mit MusikpädagogInnen der außerschulischen Musikpädagogik durchgeführt. Das sample umfasst MusikpädagogInnen, die über Erfahrung in der Nutzung digitaler Medien in der musikpädagogischen Praxis für Menschen mit und ohne Behinderung verfügen.

    Hier werden die immanenten Deutungs- und Bewertungsmuster sowie die konjunktiven Erfahrungsräume von MusikpädagogInnen ausgelotet.

  • Fokussierte Interviews

    Fokussierte Interviews zielen im Grunde darauf ab, mittels einer „Vorrahmung“, also qua dezidierten Vorgaben in der Sachdimension (Themen) einen Interviewverlauf auf bestimmte Relevanzen zu lenken bzw. zu beschränken. Hierzu können bestimmte materiale Ausdrucksgestalten wie z.B. „Zeitungsartikel“, „Filmsequenzen“, „Musik“ sowie im Prinzip auch „Objekte“ und „Dinge“ (als Bedeutungsträger) eingesetzt werden. Somit ist es innerhalb dieser Methode vorgesehen, auch stark subjektive- und emotional eingefärbte Narrationen und Bedeutungszuschreibungen zu evozieren. Um eine weitgehende „Themenzentrierung“ zu ermöglichen werden in der Regel vorab Frageleitfäden entwickelt.

    Diese Projektphase ist eine besondere Herausforderung, da Medien zum Zuge kommen (z.B. „Talker“), die lexikalisch basierte Kommunikation jenseits von „natürlicher“ Verbalsprache ermöglichen, sowie zudem ikonisch organsierte Zeichensysteme mit auditiver Sprachausgabefunktion zum Einsatz kommen, die es beispielsweise Menschen „ohne Laut- und  Schriftsprache" ermöglichen, zu kommunizieren. Zusätzlich werden iPads mit Musik-Apps innerhalb der Interviews eingesetzt. In dieser Projektphase werden somit auch methodische- und methodologische Fragen berührt, die nach einer ausführlichen Auseinandersetzung rufen.

  • Interaktionsanalysen

    Für die im Rahmen des Projekts be_smart stattfindenden Interaktionsanalysen wird audio-visuelles Material von (inklusiven) Gruppensituationen, in denen digitale Geräte zum Musizieren eingesetzt werden, erhoben und analysiert. Der Analysefokus wird hier auf Mensch-Technik Interaktionen sowie auf multimodalen Gruppenprozessen liegen.

PROJEKTSTAND

  • Juni 2020

    Derzeit entwickeln wir ein Analyseraster, das dazu dienen soll, die Komplexität von audio-visuellem Material in den Griff zu bekommen. 

    Dieses Raster funktioniert mit Blick auf eine spezifische Fragestellung (z. B. mit Blick auf die Frage nach der Entstehung von Interaktionskrisen), die an bestimmten Sequenzen im Material festgemacht wird. Die betreffenden Sequenzen werden dann anhand von einer kleinen schriftlichen Situationsbeschreibung und vier zusätzlichen Analysedimensionen erfasst.

    Es soll so einerseits möglich werden, die Komplexität audio-visueller Daten (vor allem bei einem umfangreichen Datenkorpus) in den Griff zu bekommen und andererseits auf komplexe Transkripte (Partituren) verzichten zu können, trotzdem aber eine Grundlage für tiefergreifende intersubjektive Analysen zu haben, die Vergleichsmöglichkeiten eröffnen und über eine bloße "Echtzeitsichtung" und die ad hoc Interpretation des Materials hinausgehen

  • September 2019

WEITERFÜHRENDE INFORMATIONEN

  • Links

    Die Internetseite des Förderschwerpunktes DiKuBI, in dem das Projekt be_smart angesiedelt ist.

    Soundbeam ist ein Musikinstrument, das Körperbewegungen in Klänge übersetzt und so "barriereminimales" Musizieren ermöglicht.

    Für Menschen aller Altersklassen gibt The Improvise Approach die Möglichkeit (gemeinsam) Musik zu machen. Gerade Menschen mit Bewegungseinschränkungen oder mit einer komplexen Behinderung sollen die Möglichkeit bekommen, sich mit Musik-Apps musikalisch auszudrücken. Dieses Projekt ist in Großbritannien entstanden.

    Ebenfalls in Großbritannien wird mit Drake Musik daran gearbeitet, die Vision umzusetzen, dass Menschen mit und ohne Beeinträchtigung die selben Möglichkeiten haben, Musik zu machen. Durch verschiedene Musikinstrumente -auch aus der digitalen Welt- wird ein Weg gefunden, Musik auf unterschiedlichen Ebenen zu erzeugen. Dabei gestalten Menschen mit und ohne Behinderung gleichermaßen und gemeinsam ihre musikalische Welt.

    Midnight Music ist von der Australierin Katie Wardrobe für LehrerInnen konzipiert worden. LehrerInnen können mehr darüber lernen, digitale Technologien in den Unterricht -insbesondere in den Musikunterricht- zu integrieren und welche Möglichkeiten dadurch geschaffen werden können. Es ist für Lehrpersonen aller Schulformen geeignet.

    In der Forschungsstelle Appmusik an der Universität der Künste Berlin unter der Leitung von Matthias Krebs wird musikorientiertes Handeln in diversen Kontexten erforscht. Dabei spielt das Phänomen der musikalischen Praxis mit Apps auf Digitalgeräten eine wichtige Rolle.

    Beim Netzwerk tAPP - Musik mit Apps steht das Musikmachen mit Apps in Bildungskontexten im Mittelpunkt. Menschen der verschiedensten Zielgruppen, die im Bereich der künstlerich-kreativen Arbeit mit Musikapps in der Kulturellen Bildung aktiv sind, haben die Möglichkeit, Netzwerke aufzubauen und Wissen sowie Erfahrungen auszutauschen. Es wird auch eine Unterstützung der eigenen Projekte angeboten.

    Homepage der Bertelsmann Stiftung zum Expertenforum Kreativ Musik erfahren mit Smartphones und Tablets

    Ein hilfreicher Blog zum Musizieren mit i-Pad in Kombination mit "konventionellen Instrumenten"

    Die Seite "Instrumente für Alle" enthält eine Sammlung von barrierearmen Instrumenten (digital und konventionell), zusammengestellt von EUCREA dem Verband Kunst und Behinderung E.V.

    Hier die Seite des inklusiven Netzwerks professioneller Kulturproduktionen barner 16.

    Musiklusion lotet aus,welche Möglichkeiten der Teilhabe "Digitalisierung" mit sich bringt.

KONTAKT

Prof. Dr. Imke Niediek
Professorinnen und Professoren
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Lange Laube 32
30159 Hannover
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Marvin Sieger
Wiss. Mitarbeiterinnen/Mitarbeiter
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Sowie die externen Kolleginnen

Prof. Dr. Juliane Gerland

Julia Hülsken